Bügelperlen-Helden

Vor einigen Monaten bin ich im Netz über ein Streitgespräch gestolpert, ob Menschen mit Behinderung sich als Helden eignen. Es ging um einen behinderten jungen Mann, der aufgrund seines Aktivismus für andere inspirierend und heldenhaft erschien. Ein Dritter, Andersdenkender, den böse Zungen wohl als Troll bezeichnen würden, war anderer Meinung. Er fragte, ob er sich jetzt auch in einen Rollstuhl setzen sollte, um richtig abgefeiert zu werden…

Klar, wenn ich im Rollstuhl sitze und gestützt auf die Bühne komme und zum Podium laufe, um mein Abiturzeugnis abzuholen, kann ich mit wenigen Schritten viel erreichen. Da muss so ein Standardheld aus der Antike schon mal ein paar Drachen für töten oder jemanden aus der Unterwelt befreien.

Held sein bedeutet eben aus einer ausweglosen Situation auszubrechen und etwas daraus zu machen. Seine heroischen Fähigkeiten können von körperlicher Art (Kraft, Schnelligkeit, Ausdauer) oder auch geistiger Natur sein (Mut, Aufopferungsbereitschaft, Kampf für Ideale, Tugendhaftigkeit oder der Einsatz für Mitmenschen). Für mich sind Helden immer die Menschen, die mich inspirieren und positiv überraschen. Und es ist nun einmal so, dass viele Menschen mit Behinderung Grund genug hätten, aufzugeben, zu jammern oder auch depressiv werden. Viele werden es nicht. Darum sind sie meine persönlichen Helden.

Wenn eine Frau mit einer seltenen Krankheit Gleichgesinnte auf der ganzen Welt sucht und einen Film darüber dreht. Wenn jemand mit Gleichgewichtsstörungen jeden Morgen um 6 Uhr vor der Schule aufsteht und trainiert. Wenn sich eine Patientin weltweit dafür einsetzt, dass auch andere Betroffene Zugang zu einem wirksamen Medikament bekommen. Wenn jemand sich nicht davon abbringen lässt, dass er langsamer läuft oder länger braucht oder Dinge schwieriger werden mit der Zeit und sie trotzdem tut. Das alles erfordert unendlich viel Mut und Zuversicht.

Bügelperlenbilder waren für Friedrich seit seiner Diagnose ein no go. Endlich hat er sie wieder herausgekramt.

Krisenhafte Situationen bewirken etwas. Sie ändern uns. Oft machen sie uns stärker, als wir selbst geglaubt haben. Sie machen auch etwas mit unserem Freundes- und Bekanntenkreis. Sie fördern etwas sehr Schönes zu Tage. Diese Menschen erklären sich solidarisch. Sie sagen: Wenn Ihr schon mit einem Bein in der Scheiße steht, dann halten wir Eure Hand dabei.
Sie gründen Vereine, sie wandern von Hamburg bis ans Meer, sie nähen und verkaufen und spenden, sie entwickeln Ideen, sie schreiben Karten, sie rufen an, sie passen auf uns auf.

Egal, ob alle diese Menschen Helden sind, einfach ein gutes Herz haben oder den Mut besitzen Dinge nicht einfach hinzunehmen, sondern aktiv zu werden und etwas zu bewegen, es kann nicht genug von ihnen geben.

Ich habe das große Glück, viele solcher Menschen zu kennen. Zwei kommen jeden Morgen zum kuscheln in mein Bett.

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