Chillen

Während ich es mir im Arbeitszimmer am Rechner gemütlich mache, einen Tee schlürfe und die meiste Zeit aus dem Fenster glotze, kloppen sich meine Kinder mit Gummiknüppeln, Kissen und Decken. Früher wäre ich wahrscheinlich schon fünfmal eingeschritten, hätte die beiden auseinander gezerrt oder sie in den Park zum Spielen geschickt, jetzt bin ich tiefenentspannt. Ich überlege, ob sie deswegen an diesem Tag Ihre Übungen nicht mehr machen müssen und ich freue mich, dass sie stark genug sind, sich auf dem Boden zu wälzen und wieder aufzustehen und dem anderen ein Kissen überzubraten. In mancherlei Hinsicht ist mein Leben um einiges einfacher geworden.

Noch etwas ist anders geworden in meinem Leben, was sich vielleicht (hoffentlich) auf meine Kinder übertragen wird. Seit ich im letzten Jahr die beiden großen Projekte Selbstständigkeit und Programmierung der Spendenplattform HOPE Base abgeschlossen habe, hat sich eine große Entspannung in mir ausgebreitet. Ich kann mich wirklich nicht erinnern, dass ich mir jemals so viel Ruhe gegönnt habe. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich die ersten drei Wochen des Jahres mit einem fiebrigen Infekt begonnen habe, den ich im Büro auskuriert habe. Die Quittung war eine Stirn- und Nasennebenhöhlenvereiterung, die über Wochen nur mit Paracetamol und schlussendlich mit Antibiotika in Schach zu halten war. So kroch ich nach der Arbeit ins Bett, zog mir die Decke über den Kopf und betete, dass es irgendwann mit mir wieder nach oben gehen möge.

Vielleicht braucht man mal so einen Dämpfer. Eine Zeit in der gar nichts mehr geht, um zu merken, dass erstaunlich viel weitergeht, ohne dass man wie ein aufgescheuchtes Hühnchen durch die Gegend läuft. Die Hausarbeit haben wir z.B. besser aufgeteilt und auch die Jungs haben ihre festen Posten. Der eine ist Wäsche- der andere Spülmaschinen-Minister. Geputzt wird gerade etwas weniger als sonst. Ein Paar Einbußen muss man natürlich hinnehmen, wenn das neue Lebenskonzept „mehr chillen“ heißt.

Ich finde es z.B. wirklich, wirklich schwierig Dinge zu tun, die entspannend sind. Laufen gehen und Sport machen ist ok, ein Mittagsschlaf, Kaffee trinken oder ein Buch lesen NATÜRLICH nicht.

Wenn ich ehrlich bin, habe ich mein bisheriges Leben in gute und schlechte Tätigkeiten aufgeteilt. Gute sind solche, die ein ablesbares Ergebnis bringen. Dazu gehören: Sport treiben, Schreiben, Lernen, Arbeiten, Klavier spielen, Aufräumen, Putzen, Kochen…. Zu den schlechten gehören somit alle anderen, also Tätigkeiten, die zu nichts führen, wie Bücher lesen, Fernsehen, Faulenzen, Schlafen, Telefonieren. Vor 20 Uhr war es meinem Gewissen kaum möglich etwas Schlechtes zu tun und wenn, dann musste es zu mindestens mit einer guten Tätigkeit kombiniert werden, wie Telefonnieren und Putzen z.B. Meine Freunde, Geschwister und Eltern können davon bestimmt ein Lied singen, denn sie fragten häufig: Was machst Du da eigentlich am Telefon für einen Lärm?

Und wenn mein Mann an einem Freitag um 15 Uhr nach Hause kam, um sich vor den Fernseher zu setzten, zu lesen oder irgendetwas passiv zu konsumieren fragte ich mich: Wie macht der das bloß. Und: Was könnte er jetzt alles sinnvolles tun? Fällt mir da nicht was ein? Und dann: Schatz WIR MÜSSTEN NOCH….

Das total Verrückte ist, dass ich mir diese Regel nie bewusst gemacht habe und wenn ich sie hier aufschreibe und lese kommt sie mir ganz schön lächerlich vor. Ich habe sie auch nicht hinterfragt, sondern sie unterschwellig dem Rest meiner Familie aufgedrückt.

In meinem neuen Leben, das vor etwa 2 Wochen begonnen hat, liege ich an manchen Tagen um 15 Uhr auf dem Bett und lese bis meine Kinder nach Hause kommen. Und dann sage ich: Lass es uns doch alle gemütlich machen und etwas lesen. Heute habe ich sogar versucht, nach der Arbeit einen Mittagschlaf zu machen. Einfach so, weil es sich richtig angefühlt hat. Natürlich bin ich vor lauter schlechtem Gewissen nicht eingeschlafen, aber ich stehe ja auch noch ganz am Anfang.

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