Der Blick aus meinem Fenster

Es mag komisch klingen und vielleicht ein bisschen morbide, aber mein größter Wunsch in meiner Kindheit war es sehr, sehr alt zu sein. Ich hätte damals gerne dieses große Gefühl der Ungewissheit und nicht zu wissen was kommt mit dem Gefühl getauscht alles schon erlebt zu haben.

In meinem Traum vom Alt-sein sitze ich allein in einem Zimmer am Fenster und schaue hinaus in einen Hinterhof. Dort gibt es nicht viel zu sehen, nur manchmal läuft jemand über den Hof und ein Hund schnüffelt an einer Hauswand herum und etwas Kreide verblasst langsam vom letzten Spiel der Kinder. Manchmal regnet es und dann scheint die Sonne oder es ist neblig aber meistens ist das Wetter egal, denn alles Leben, was es zu Leben gab, habe ich in mir. Ich zehre davon in meinem Traum und bin glücklich.

Als ich erwachsen war, fragte ich mich oft, warum mich dieser Tagtraum so intensiv begleitet hat. Er passt so gar nicht zu mir. Ich bin im Alltag nämlich sehr ungern alleine.

Vielleicht hat mich einfach beruhigt, dass ich in diesem Tagtraum alt werden durfte. Wir alle leben jeden Tag mit dem Wissen, dass es für uns einmal zu Ende gehen wird und mit der Ungewissheit den Moment nicht zu kennen an dem es passiert. Die meisten von uns verdrängen diese Tatsache. Wer sich vor seinem letzten Lebensabschnitt mit ihr beschäftigt, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit schräg angeschaut.

Ich mag das Gefühl der Ungewissheit nicht und nicht zu Wissen wann und wie es mit uns zu Ende geht, empfand ich schon immer als Zumutung.

Ich kann es generell kaum ertragen, wenn ich nicht weiß was Sache ist. Dieser Blindflug beim Doppelkopf zum Beispiel. Soll ich schmieren oder den Stich übernehmen? Wenn ich´s wüsste, könnte ich das Richtige tun. Unerträglich es nicht zu wissen. Oder die langsame Herantasterei beim Aufbau erotischer Beziehungen. Ich habe viele Freunde, die dieses Spiel über Jahre ausgekostet und genossen haben. Ich fand es furchtbar.

Was mich als Kind nie interessierte, war die Frage, wie man sein Leben füllen soll. Das es unterschiedliche Arten gibt, die Zeit zu füllen, ist ja auch schon einmal eine Erkenntnis für sich. Heute beschäftige ich mich oft mit dieser Frage.

Ist es wichtig ein ausgefülltes Leben zu haben oder kommt es auf die Länge an? Ist es wichtiger viel zu sehen oder viel zu fühlen? Ist es unsere Aufgabe andere glücklich zu machen oder selbst glücklich zu werden?

Ich bin durch die Geburt unserer Kinder zu einem anderen Menschen geworden. So fühlt es sich zumindest an. Die Krankheit meiner Kinder haben mein Leben und mich ein zweites Mal komplett verändert. Es sind keine Veränderungen, die man von außen sieht. Nur ich bemerke sie, weil meine Wahrnehmung eine andere geworden ist.

Heute möchte ich nicht mehr alt sein. Ich möchte nicht mehr alles schon hinter mir haben. Ich möchte jeden Tag Erinnerungen sammeln. Damit ich was zu zehren hab, wenn ich jemals alt und klapprig an Fenstern sitzen sollte.

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