Der Junge, der Fieber machen kann…

… und unter der Decke verborgen bleiben möchte

Ole, heute lagst Du den ganzen Tag krank und fiebernd in Deinem Bett und hast Dich vor der Klassenfahrt gefürchtet, die morgen beginnt. Ich kann Dich so gut verstehen. Wer fragt schon nach einer Woche Müden an der Örtze mit Kindern, zu denen man auch nach einem Jahr keinen Zugang findet und mit denen man wenig gemeinsam hat.

Die Jungs in Deiner Klasse spielen Fußball oder zocken, die Mädchen drehen Musically-Videos oder gehen in die Stadt und Du liest Bücher über römische Militärhistorie und fürchtest Dich vor Spinnen.

Es ist schwer Freunde zu finden, wenn man anders ist als die anderen und dazu noch das unsportlichste Kind weit und breit. Wir wissen, warum Du anders bist. Die anderen wissen es noch nicht. Sie wissen nicht, warum du stolperst und dich manchmal an ihnen festhalten musst und Deine Schrift so krakelig ist, dass man sie kaum lesen kann.

Du möchtest nicht über Friedreich Ataxie sprechen. Genau wie Dein Bruder möchtest Du möglichst lange unter dem Radar der Normalität verborgen bleiben. Bloß keine Sonderrolle. Der ungewollte Stolperer wird zur kleinen Slapstick-Einlage. Die anderen Kinder sind sowieso blöde, da macht es nichts, wenn sie im Stuhlkreis aufstehen und sich umsetzen, sobald Du Dich neben sie setzt.

Das mit dem Krankwerden, wenn nichts mehr ging, hattest Du schon immer drauf. Drei aufeinander folgende Skiurlaube hast Du so versucht uns möglichst schonend beizubringen, dass Du leider nicht lernen wirst Ski zu fahren. Drei Mal, bis wir Dich endlich verstanden haben und akzeptieren konnten.

Erster Tag auf der Piste. Anruf der Skischule kurz vor 11 Uhr mit der Nachricht, dass Du abgeholt werden möchtest. Wir verbringen den Mittag spielend im Schnee. Am Nachmittag bleibe ich dabei und sehe zu, wie der eifrige Skilehrer mit lustiger roter Zipfelmütze Dich wieder und wieder auf den Zauberteppich stellt. Oben angekommen zieht ein zweiter Dich vom Band und stellt Dich in Positur mit Blickrichtung Tal. Mit einem kleinen Schubs geht es bergab. Kurven- und kraftlos schiebt sich die Pizza ins Tal, landet unten in der Bande oder im Schnee und bleibt einfach liegen. Nach einer Stunde nehme ich Dich mit nach Hause und wundere mich. Am nächsten Tag 39 Grad Fieber. Dieses Level hältst Du dann so lange bis wir aufgeben. Aber nur für dieses Jahr. Friedrich macht es doch Spaß. Und uns erst…

Grade haben Deine Eltern Krisenrat gehalten und beschlossen, Dich zu Hause zu lassen. 38,4 Grad Abwehr können auch wir nicht ignorieren. Natürlich wäre es schön, wenn Du das alles schaffen würdest. Wenn Du gemeinsam mit der Klasse eine gute Zeit hättest. Dein Körper möchte das aber nicht im Moment. Er möchte zu Hause bleiben und sich erholen.

Vielleicht ist es gut, dass Dein Körper Fieber machen kann. Deine Argumente wären wahrscheinlich nicht zu uns durchgedrungen. Deswegen hast Du wahrscheinlich gar nicht erst versucht mit uns zu reden. „Versuch es doch wenigstens. Wir können Dich auch jederzeit abholen“ hätten wir gesagt. Und: „Wir können Dich doch nicht einfach so zu Hause lassen.

Ole, Du machst viel zu viel mit Dir alleine aus. Wir sind nicht unschuldig daran. In den letzten Jahren haben wir uns viele Gedanken um Deinen Bruder gemacht und Dir zu verstehen gegeben, wie gut es ist, dass Du funktionierst. Es tut mir leid, dass wir nur auf Fieber hören.

Lass uns versuchen besser zu kommunizieren. Hoffentlich hilft Dir Deine neue Therapeutin dabei. Vielleicht hilft Sie Dir mehr über Dich und Deine Ängste zu sprechen. Mit ihr und hoffentlich auch mit uns. Und hoffentlich tritt sie uns Eltern tüchtig in den Arsch, damit wir bessere Zuhörer werden.

1 Antwort

Dein Kommentar

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

sechzehn + 1 =