Der Stichler und der Brodler

Ole hat eine wunderbare Art zu sprechen.
Sehr treffend, sehr lyrisch mit einem Hauch von Verschrobenheit. Ich liebe seine Sätze.
Auf dem Weg zur Eisdiele haben sich Ole und seine Oma vor einigen Tagen heillos verlaufen, weil er die Geschichte vom Brodler und vom Stichler zum Besten gab.

Der Stichler, das ist sein Bruder Friedrich, der Ole triezt, wenn er selbst schlecht drauf ist.
Der Brodler natürlich Ole, wenn er regelmäßig ausrastet und nicht weiß wohin er soll mit seiner ganzen Wut.

In den letzten Wochen haben sich die beiden böse Geschwisterstreits und Kämpfe geliefert, die immer nach demselben Schema abliefen. Alle umliegenden waren überfordert, wenn die beiden übereinander herfielen. Neuerdings wurde sogar gebissen.

Neben den Kämpfen, dem Brodeln und dem Sticheln haben wir ein neues Gespenst in unserer Familie. Das Gespenst sind Oles Ängste, die uns schon sehr lange begleiten, die in den letzten Wochen aber immer größer wurden.

Ole hat Angst vor Hunden, vor Spinnen, vor Musik, vor der Dunkelheit und vorm alleine sein. Zuerst mussten wir die Straßenseite wechseln, wenn ein Hund auf uns zukam. Dann wollte er nicht mehr allein in seinem Zimmer schlafen. Das Küchen-Radio musste stets ausgeschaltet bleiben.

Dann kamen Zwänge dazu. Zum Beispiel das regelmäßige Umschauen über beide Schultern, um sicher zu gehen, dass sich von hinten keine Spinnen anschleichen. Und das Schließen aller Türen und Fenster. Können wir Musik nicht ausweichen, in einem Lokal z.B. beginnt Ole neuerdings zu weinen. „Ich will jemand anderen mit Musik-Phobie kennenlernen, Mama. Ihr glaubt mir ja eh nicht, wie schlimm das ist.“

Am Abend werden die Ängste schlimmer.

In den ersten Tagen unseres Albanien-Urlaubs hatten Oles Gespenster teilweise die Oberhand gewonnen. Ich sah mein Kind an wie sehr er sich quälte und war von Panik erfüllt. Es würde immer schlimmer werden. Bald hat er Angst vor seinem eigenen Schatten…. Irgendwann sagte er mir. „Mama, wenn ich Dir in die Augen schaue, sehe ich nur noch Panik. Kannst Du mal bitte aufhören so zu gucken!“ Dann lächelte er mich schief, fast entschuldigend an.

Das war der Punkt von dem an es ganz langsam besser wurde – für Ole und damit auch für uns. Ich lerne meine Ängste zu kontrollieren und sie nicht auf ihn zu projektzieren. Wir lernen als Familie über Oles wahre Gespenster zu sprechen. Bisher hat er das Thema Friedreich Ataxie noch gar nicht bearbeitet und immer abgewehrt, wenn wir darüber sprechen wollten. Und es wird einfach Zeit endlich eine Ole-Phase einzulegen. Viele Wochen stand er im Schatten seines großen Bruders. Immer ging es darum, wie es Friedrich geht, ob er es heute zur Schule schafft, was wir noch für ihn tun können. Oles Aufgabe war es über lange Zeit zu funktionieren und wenig Aufhebens um sich zu machen.

Jetzt geht es Friedrich besser und Ole traut sich aus seiner Deckung. Er braucht uns und den Raum um sich mit seiner Krankheit auseinanderzusetzen. Die nächsten beiden Wochen wird er bei meinen Eltern sein und Friedrich wird sich von den anderen Großeltern umsorgen lassen.

Etwas Abstand vom Alltag für die Jungs … Und etwas freie Zeit für uns Eltern fällt auch noch dabei ab.

 

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