Der Tag

Heute ist der Tag, an dem Friedrich sich über einen Rollstuhl informieren möchte. Und das bitte sofort.

Lange schon beschäftigt meinen Mann und mich die Frage, wann es Zeit ist einen Rollstuhl auszusuchen. Dass ein Rollstuhl ein gutes Hilfsmittel sein kann, an müden Tagen, oder wenn das Gleichgewicht so gar nicht mitspielt, weiß Friedrich schon länger. Der 18 jährige Jimi, der uns neulich besucht hat und viel über seine Rollstuhlzeit berichtete, hat das Thema wohl anfassbarer gemacht. Und ich habe mich bemüht meinem Sohn Mut zuzusprechen im Umgang mit einem Hilfsgerät. Es ist nicht das Ende. Es ist keine Schwäche sich manchmal in den Rollstuhl zu setzen, um auszuruhen.

Trotzdem war ich heute überrascht. Er wollte am liebsten gleich ins Sanitätshaus fahren. So schnell geht das aber nicht. Wir werden zurückgerufen, um einen Termin zu vereinbaren. Wir lassen uns beraten. Wir suchen uns einen Rollstuhl aus. Das Sanitätshaus macht einen Kostenvoranschlag. Wir reichen diesen bei der Krankenkasse ein. Diese bewilligt oder lehnt ab. Wenn sie bewilligt bestellen wir. Wir warten. Und irgendwann, in einigen Monaten, wird er da sein. Ta Daaa! Der neue Rollstuhl!

Der Rollstuhl wird Friedrich helfen seinen Alltag zu bewältigen und er wird nicht immer und dauerhaft in ihm sitzen. Er kann aufstehen und gehen zwischendurch. Und dennoch möchte ich genauso wenig, wie am ersten Tag, als ich von Friedreich Ataxie erfuhr, dass er im Rollstuhl sitzt.

Schon vor der Geburt unserer Kinder fangen wir an Luftschlösser in unseren Köpfen für sie zu bauen. Und wenn sie erstmal da sind entwickeln wir eine ungeahnte Kraft für sie zu sorgen und sie zu beschützen, die uns zu fast allem befähigt.

Nächtelang ohne Schlaf auszukommen. Die Mitte des Ehebettes an jemanden abzutreten, der einem seine Füße und Arme ins Gesicht streckt und die Bedeutung des Wortes Libido vergessen lässt. Hysterisch schreiende Kinder von Supermarkböden aufzuklauben, weil man diesmal kein Ü-Ei an der Kasse mitnehmen möchte. Und jemand uneingeschränkt zu lieben, der nicht selten richtig eklig zu einem ist.

Ich versuche mit aller Kraft ein neues Luftschloss mit Rollstühlen für die Jungs zu bauen. Mit einem Fahrstuhl in jeden Stock und einer Mega-Chill-Zone für uns vier und all unsere Freunde, die uns dort besuchen kommen.

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