Die Bilder-Sammler

Friedreich Ataxie

Seit 6 Wochen mag ich nichts mehr schreiben. Alles schon gesagt, denke ich und dass ich froh bin über den Umstand, dass ich mit Schreiben kein Geld verdienen muss. Sätze sind mir lästig im Moment. Sie müssen ja noch gebildet werden und liegen nicht schon irgendwo rum, wo sie nur eingesammelt und aufgehängt werden müssen.

Ich denke stattdessen über die Liebe nach. Wie dankbar ich für diese menschliche Regung bin. Wie viel sie verzeiht. Wie stark sie ist. Wie unnachgiebig und schön. Meine Kinder werden immer meine große Liebe bleiben. Keine Krankheit wird das je ändern.

Statt Sätzen sammle ich neuerdings Bilder. Friedrich steht in einem runden Pool mit übergroßem Neoprenanzug und lacht. Ole rennt mit Line über die Wiese und schwingt sein Schwert. Wir ziehen Ole durch die engen, steilen Gassen von Tonerre. Dann nehme ich ihn auf den Rücken und er kuschelt sich an mich. Friedrich und Sara stecken beim Doppelkopf-Spiel die Köpfe zusammen und beratschlagen den nächsten Zug. Friedrich an meiner Hand, die er immer häufiger nimmt. Das Leben ist endlich und ich Scheiße drauf. In den langen Urlaubs-Nächten im Burgund sitzen wir mit Freunden im Burghof und trinken Wein aus Kanistern. Wir essen viel zu gut und viel zu viel, weil wir das gerne tun und wenn einer zwischendurch aufstehen muss, weil ihm die Hutschnur platzt, freuen wir uns, wenn er wiederkommt und wenn einer weinen muss, nehmen wir ihn in den Arm und warten, wie es weitergeht.

Den Kindern tut das Leben in der Kommune gut. Sie lassen sich nach einer Woche von den anderen Eltern trösten und durch die Gegend tragen oder bitten selbstverständlich um Hilfe und wir Eltern schaffen es – wie durch ein Wunder – nicht nur die eigenen Kinder mit Würstchen und Wasser zu versorgen. Neuerdings haben wir sogar einen Yoga-Lehrer und daher ständig Muskelkater, dafür geschmeidige und gedehnte Hüften und einen schon viel besseren Einbein-Stand.

All die gesammelten Bilder werden wir brauchen. Nicht um sie in Alben zu kleben, die man in langen Winternächten hervorholen und wehmütig durch die Seiten blättern kann. Die Jungs werden sie brauchen, um zu wissen, dass das Leben gut ist und wie es sich anfühlt Teil einer Gruppe zu sein. Von Friedrich höre ich neuerdings manchmal den Satz: „Mich würde bestimmt keiner vermissen“ oder „Ich schäme mich, wenn mir das Essen von der Gabel fällt oder ich mein Würstchen nicht schneiden kann“. Es sind gefährliche Sätze. Ich weiß, warum er sie fragt und dass er sie fragen muss. Ich sage ihm, dass sich die Anderen natürlich freuen, wenn er dabei ist, dass das aber nicht der Punkt sei. Ich weiß, dass er es liebt Teil einer Gruppe zu sein. Er soll keine Angst haben dieses Bedürfnis weiter auszuleben aus Angst vor den Reaktionen Anderer. Deshalb frage ich ihn: Was ist mit Dir? Was möchtest Du in diesem Moment? Denn mehr als alles andere wünsche ich den Beiden die Freiheit und die Kraft für die Dinge zu kämpfen, die sie glücklich machen.

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