Die Tortellini-Lüge

Es ist eine alte Binsenweisheit, dass Lügen kurze Beine haben. Meine Lügen haben keine. Sie rutschen direkt auf dem Arsch durch ihr kurzes Leben. Dann werden sie entweder enttarnt oder ich beichte. Meine Tortellini-Lüge werde ich beichten. Nicht weil ich Angst habe enttarnt zu werden. Meine Tortellini-Lüge ist eine sichere Bank. Absolut Enttarnungssicher sozusagen. Aber sie beschämt mich und ich möchte sie loswerden…

Es ist einer dieser Lügen, die ich als Kind manchmal benutzte und die aus meinem Mund schlüpften, wenn ich gerade mal nicht aufpasste und wo es dann unheimlich schwer wurde diese wieder einzufangen. So eine Lüge eben.

Die Tortellini-Lüge ist keine schlimme Lüge. Aber sie war unsinnig, wie die meisten Lügen, unsinnig wie ein Kropf war sie.

Außerdem habe ich ein Kind belogen. Einen zwölfjährigen Jungen, den beste Freund von Ole und eins dieser Kinder, das wahrscheinlich noch nie in seinem Leben selbst gelogen hat und das sich von dem Schock, dass ein Erwachsener es anlügt, wahrscheinlich niemals wirklich erholen würde.

Die Tortellini-Lüge passierte so:

Vor zwei Tagen habe ich für Friedrich, Ole und Oles Freund gekocht. Tortellini. Die Kinder saßen am Tisch. Alle waren hungrig. Das Essen (Lachs-Sahnesoße, Käse- und Fleischtortellini) wurde aufgetischt.

Dann nahm das Schicksal seinen Lauf.

Oles Freund stellte eine Frage.

Er so: „Ist das Bio?“

Mein Gehirn so: Bio? Scheiße!!!!!

Wie konnte ich das vergessen? Ich kaufe immer Bio-Fleisch, wenn Oles Freund zu Besuch ist, oder mache was ohne Fleisch. Ich weiß, dass er nur Bio-Fleisch isst und seine Frage danach ist so vorhersagbar wie das Amen in der Kirche oder die Zipfelmütze auf dem Zwergen Kopf.  Ich drehe mich wie in Zeitlupe zu ihm um. Ich überlege welche Alternativen unser Kühlschrank bietet. Ich öffne den Mund. Meine Lippen formen ein DEUTLICHES:

„JAAAA“.

„Nochmal Scheiße“, denke ich, „warum nur habe ich „Ja“ gesagt???“

Ich setze mich zu den Kindern. Wir langen zu. „Oh, wie schön.“ sagt er „Dann kann ich ja auch die Fleischtortellini essen.“ Dann landen genau 4 Fleischtortellini  auf seinem Teller.

„Nein“, denke ich, warum habe ich nicht einfach „nein“ gesagt. Er hätte einfach nur die Käsetortellini gegessen und alles wäre gut gewesen. Jetzt muss ich zusehen, wie er zufrieden die Fleischtortellini verspeist im Glauben seinen Prinzipien treu zu bleiben und das Richtige zu tun.

Während ich mich zu erinnern versuche wie groß der Fleischanteil in den Tortellini war und mit einer einfachen Mathematischen Rechnung (12% (geschätzter Fleischanteil) Mal 15 Gramm (geschätztes Tortellini Gewicht) Mal 4 (Anzahl verspeister Tortellini)) die Größe des Schadens zu ermitteln versuche, nehmen die Gespräche am Tisch eine unerfreuliche Wendung.

Ole: „Woran erkennt man eigentlich, ob es Bio ist?“ Friedrich: „Steht auf der Verpackung.“ Freund von Ole: „Man muss aber genau hinschauen. Bio ist nicht gleich Bio.“ ..…

Mir wird heiß. Die Kinder werden doch hoffentlich nicht auf die Idee kommen meine Bio-Fleischtortellini zu hinterfragen und die Verpackung zu konsultieren. Ich stehe auf und ziehe den Müllsack aus dem Eimer. Ich verstecke ihn im Schlafzimmer und sitze 20 Sekunden später wieder am Tisch. „Ich sage einfach, ich hab den Müll gerade runtergebracht, wenn sie mich fragen“, rede ich mir gut zu und dann denke ich noch „Das hier wird niemals jemand erfahren.“

Dann verteile ich die restlichen Fleischtortellini auf den Tellern meiner Kinder, damit Oles Freund vor ihnen sicher ist…

Abends finde ich den Müllsack in unserem Schlafzimmer wieder. Ich bringe ihn zur Mülltonne. Während ich ihn in die schwarze Tonne plumpsen lasse, denke ich: Oh man, so ein Scheiß kann doch wirklich nur dir passieren. Und dann: Und das Leben schreibt doch die besten Geschichten….

 

0 Kommentare

Dein Kommentar

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

10 + siebzehn =