Ein Berg von Verantwortung

An manchen Tagen und in manchen Momenten kann ich ihn wegschieben und mich mit anderen Dingen beschäftigen. Klavier spielen, meinen Blog schreiben und mich mit Freunden zum Feiern verabreden. An manchen Tagen liegt er vor mir und scheint nicht zu bewältigen. Der Berg von Verantwortung.

Gerade habe ich Ole zu den Großeltern gebracht. Sie werden sich, wie schon so oft, wunderbar eine Woche um ihn kümmern. Sie werden mit ihm alle Römer-Orte der näheren und weiteren Umgebung abklappern. Das Römermuseum in Haltern, der Archäologische Park in Xanten, Kalkriese… Und seine Lieblingsspeisen kochen. Meine Eltern sind die besten Eltern und Großeltern, die man sich wünschen kann. Sie wünschen sich nichts sehnlicher, als ihre Kinder und Kindeskinder glücklich zu sehen.

Die zwei Tage dort haben Ole und mir gut getan.

Wir lassen die Oktobernächte hell erleuchten und machen offenes Feuer im Garten. Wir grillen und essen und trinken gemeinsam. Ole sitzt die meiste Zeit auf meinem Schoß. Nachdem wir ihn lange überzeugen mussten, sich mit Friedreich Ataxie auseinanderzusetzen, tut er jetzt die ersten Schritte. Es ist schmerzhaft. „Mama“, fragte er gestern. „Wenn ich eine Lebenserwartung von 40 Jahren habe, wer stirbt dann eher, Du oder ich?“ und dann ironisch: „Na, das wird ja ein lustiges Wettrennen, zwischen uns beiden.“

Eine Krankheit ist oft mehr, als die Primärerkrankung. Sie kommt mit einem Rattenschwanz an Überraschungen. Ängste, Ticks, Zwänge, Depressionen, Schulangst- und Verweigerung, der Angst das Haus zu verlassen, der Angst vor dem Gerede der anderen. Beide Jungs kämpfen jeden Tag.

Ole hat seine Musik-Phobie überwunden. Er schafft es neuerdings wieder Türen offen stehen zu lassen und nicht alle Abflüsse abdecken zu müssen. Er geistert nur noch abends ängstlich durchs Haus, um sicher zu gehen, dass sich keine Riesenspinnen in den Zimmern versteckt halten.

Dafür würde er jetzt am liebsten keine Sekunde mehr alleine sein. Er verfolgt mich auf Schritt und Tritt und kann sich kaum auf etwas anderes konzentrieren.

Er weiß, dass ich nur zwei Tage bei meinen Eltern bin und dann alleine nach Hamburg zurückkehre. Er sucht nach Sicherheit, die er bestimmt bei meinen Eltern finden wird, aber es fällt ihm schwer loszulassen.

Ich fahre alleine zurück mit der Bahn nach Hause und habe 3 Stunden nur normale Alltagsprobleme, die unser Leben so spannend machen.

Der Anschlusszug in Münster hat 40 Minuten Verspätung und bummelt dann lethargisch nach Hamburg, als habe er jede Hoffnung aufgeben auch nur einen Fahrgast pünktlich ans Ziel zu bringen. Die alte Dame im Zug gegenüber ist verzweifelt. Sie muss noch weiter nach Sylt und ihr Anschlusszug wird nicht auf sie warten. Immerhin hat der betrunkene Mädelstross weiter hinten im Abteil Quartier bezogen. Man trägt unisono T-Shirts mit dem aussagekräftigen Aufdruck: Quarterclub: Spritti Woman! und grölt laut zur Musik mit. Irgendwann beginnt der ältere Herr neben mir quasi auf meinem Schoß seine Tageszeitung zu lesen. Ein regionales Käseblatt natürlich und so lohnt es sich noch nicht einmal mitzulesen.

Wie so oft, wundere ich mich, was ein Mensch alles ertragen kann, ohne auszurasten und einfach loszuschreien.

Zu Hause in Hamburg erwartet mich wieder der Alltag. Die Sonne scheint. Ich möchte raus. Wie wäre es mit einem Eis? Mit meinem Mann UND meinem Kind. Doch das Kind will die Sicherheit der Wohnung nicht verlassen Ich bitte. Ich bettele. Wir diskutieren zu Dritt. Ich laufe weg und komme wieder. Friedrich heult. Ich heule. Irgendwann gibt sich das Kind einen Ruck. Die Jungs fahren zusammen mit dem Roller zur Eisdiele. Ich gehe zu Fuß. Zu dritt sitzen wir für einen kurzen kostbaren Moment und wie eine ganz normale Familie draußen um den Tisch und löffeln ein Eis.

Ich erkläre Friedrich, warum es ein Problem für uns alle ist, wenn er sich in der Wohnung vor dem Leben versteckt. Wir Eltern können ihn nicht zurücklassen. Das geht manchmal, aber nicht immer. Wir werden dafür sorgen, dass unsere Kinder teilhaben und ihnen das Leben zeigen. Unsere Verantwortung ist, die beiden rauszuholen aus ihren Ängsten und Ihrer Lethargie. Manchmal kostet es unsere ganze Kraft. Wenn die verbraucht ist, fange ich an zu schreien oder zu weinen, je nach Tagesform. Mein Mann springt ein.

Immer wenn einer nicht mehr kann, übernimmt der andere. So war es immer bisher. So wird es weitergehen.

Morgen beginnt Friedrichs Konfirmandenfreizeit in Siloah. Er fürchtet sich. Wir versuchen ihm zu helfen. Wir wissen nicht, ob er es morgen schafft in den Bus zu steigen. Unser Leben bleibt ein Lottospiel.

NACHRUF:
Auch dieses Mal haben wir leider nicht gewonnen.

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