Embrace

Der Sommer 2016 war der Sommer, in dem ich erfuhr, dass mein ältester Sohn an einer seltenen neurodegenerativen Erkrankung leidet. Es war der Sommer, in dem ich ahnte, dass vielleicht auch mein jüngster Sohn betroffen sein könnte und der Sommer, indem ich Stunden mit dem Schreiben trauriger Gedichte verbrachte, in dem ich viel weinte und die meiste Zeit mit einem riesigen Kloss im Hals herumwandelte. Es war auch der Sommer, in dem auf dem Sydney Film Festival zum ersten Mal der Film Embrace von Taryn Brumfitt gezeigt wurde. Ein Film über die Rolle der Medien, in der Verbreitung eines Frauenbildes, dass sehr wenig mit der Realität des weiblichen Körpers zu tun hat und ein Film der zeigt, wie unglücklich viele Frauen mit ihrem Körper sind. Ich weiß nicht, warum ich es überhaupt mitbekam, vielleicht weil die tolle Nora Tschirner das Projekt unterstützt und mitspielt, aber damals dachte ich: Ich wünschte ich hätte deren Probleme. Den eigenen Körper zu hassen schien mir eine dankbare Alternative zu meiner eigenen Situation. Zu meinen Ängsten, zu meiner Trauer und meiner Wut. Ich hatte eh kein Interesse an meinem Äußeren zu dieser Zeit. Ich hasste alle High Heels und schicken Klamotten, die in meinem Schrank lagen und für die ich unnützes Geld ausgegeben hatte. Ich verfluchte meine Oberflächlichkeit. Ich schämte mich für alle Jahresrückblicke, in denen ich über mein berufliches Vorankommen geschrieben hatte und für alle Neujahrsvorsätze, die etwas mit Sport oder Abnehmen zu tun gehabt hatten.

Ich weiß, dass es schlimm ist, wenn jemand seinen Körper hasst. Ich wünschte aber auch, dass mehr Menschen zu schätzen wüssten, dass der eigene Körper funktioniert und tut was man möchte. Menschen mit Friedreich Ataxie können sich nicht auf ihren Körper verlassen, wie die meisten von uns. Sie verlieren die Kontrolle über ihn. Und die Kraft und Energie, die ich so oft spüre, wenn ich laufe oder spazieren gehe oder tanze oder schwimme, wie sehr wünschte ich, dass ich nur ein bisschen dieser Energie auf meine Kinder übertragen könnte. Spaß an Bewegung, stehend in die Pedale des Fahrrads treten, los zu spurten, weil man es kann, sind Dinge, die meine Kinder immer weniger spüren. Vor wenigen Tagen sah ich von unserem Fenster aus zu, wie Friedrich unsanft auf allen vieren landete bei dem Versuch bei grün über die Straße zu rennen. Er rappelte sich hoch und kam mit einem verschrammten Knie und einem Loch in der Hose davon. Vielleicht vermissen Menschen mit Friedreich Ataxie die Bewegung nicht so sehr. Vielleicht sind die erschöpften Mitochondrien in den betroffenen Zellen froh, dass sie nicht auf Hochtouren arbeiten müssen. Vielleicht ist ein Leben auf dem Sofa eine akzeptable Alternative. Es fällt mir nur schwer das zu glauben.

Zwei Dinge nun, warum der Film mir kürzlich wieder in den Kopf gefallen ist.

Erstens musste ich neulich eine ziemlich skurrile Szene beim Shoppen miterleben: Ich stand in der Ecke eines Klamottenladens im Hamburg – Winterhude. Ein Pärchen kam herein und der Mann wandte sich stolz an die Kassiererin: „Heute kriegt sie alles was die Kreditkarte hergibt. Sie hat die 34 geknackt!“

Ich dachte: „Was macht man mit einem Mann, der einen dafür belohnt, dass man sich in Kleidergröße 0 quetschen kann? Und was macht der mit einem, wenn der Jojo-Effekt einsetzt?“

Gleichzeitig empfand ich eine große Dankbarkeit. Ja, ich möchte an dieser Stelle den Männern danken, die dazu beigetragen haben, dass es mir immer egal war, welches Bild die Medien vom weiblichen Körper präsentierten. Es waren die Männer, die mir das Gefühl gaben, geliebt zu werden. Die meinen Körper schön und begehrenswert fanden. Ich danke mir für meine Intuition diese Männer zu finden und kann nur allen Frauen raten die Männer auszusortieren, die Euch nicht schön finden, wie ihr seid.

Und noch ein zweiter Grund, warum der Film und sein Name eine gewisse Relevanz für mich haben. Bei Embrace geht es um das Schönheitsideal der Frau in der westlichen Welt. Auch ich bin irgendwann zu dem Schluss gekommen, dass sich meine Einstellung zu High Heels zwar grundlegend geändert hat, es aber Niemand glücklich macht, wenn ich die Heels, die nun schon einmal da sind, nie mehr anziehe. Ich habe Frieden gemacht, mit meinem Wunsch mich manchmal schön machen zu wollen. Für mich, für meinen Mann oder denjenigen, der eben gerade guckt. Ich habe auch Frieden gemacht mit dem Umstand, dass ich Sport und Bewegung brauche, meine Kinder aber nicht. Und wenn wir früher noch das zwanzigste Mal darüber diskutiert haben, ob die Kinder jetzt mit ins Schwimmbad kommen und wann oder ob überhaupt, ziehe ich jetzt die Laufschuhe an und sage: In einer Stunde bin ich zurück, dann habt ihr euch hoffentlich entschieden.

2 Kommentare
  1. Ingeborg
    Ingeborg says:

    Melle, das ist so wunderbar, was du schreibst und wie du bist. Ich schäme mich – ich hatte mir bisher keine Zeit genommen, alles zu lesen, was du auf dieser Website mitteilst – aber ich habe ja nicht geahnt, was da auf mich zukommt.
    Ich bin dein absoluter Fan geworden. Ich bewundere dich, wie phantastisch du mit der Situation umgehen kannst. Und ich glaube ganz ganz fest daran, dass es doch, und zwar bald, die entscheidende Wende gibt, auf die wir alle warten und hoffen. Ich persönlich sehe es so: „Die Zeichen stehen gut!“
    Ganz ganz viele liebe Grüße (ich arbeite an unseren Ideen…)
    Ingeborg

    Antworten

Dein Kommentar

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

6 − fünf =