Fiete Anders oder das unbeschreibliche Gefühl

Heute haben Friedrich, Ole und ich Familienrat gehalten. Es ging um die Wahl unserer Mittagessenslokalität. Und wie so oft ging es um so vieles mehr.

Ich gehe auf keinen Fall raus (Friedrich). Ich war doch gerade erst draußen (Ole). Ich will auf jeden Fall raus (ich). Irgendwie landeten wir dann bei dem Schulthema. Friedrich geht seit einigen Tagen mal wieder nicht hin. Wir Eltern können es nicht nachvollziehen und sind auch langsam mit unserem Latein und unserer Kraft am Ende. Warum gehst Du nicht hin? Weiß nicht. Was sind Deine Ängste? Weiß nicht. Ist es, weil Du zu schwach bist oder es körperlich zu anstrengend ist? Nein. Kannst Du Dich nicht konzentrieren oder nicht denken? Nein, das ist es auch nicht.

Da meinte Ole plötzlich: „Vielleicht ist es so, wie bei mir, als ich mal dieses unbeschreibliche Gefühl hatte. Es war wie Trauer und Wut und Angst, alles auf einmal, aber als ich es hatte, konnte ich es nicht erklären, sondern erst als es vorbei war.“

Ja, das unbeschreibliche Gefühl. Ich erinnere mich. Ole hatte es kurz nach seinem Schulwechsel für einige Tage oder Wochen. Es war wie eine Mini-Depression.

Ole hatte damals, im Gegensatz zu seinem Bruder, viel darüber reden wollen. Über seine Angst vor der Zukunft. Über die fehlenden Kontakte in der neuen Schule, darüber wie sehr er seine alten Freunde vermisst, die auf eine andere Schule gegangen waren, und wie unheimlich und unerträglich dieses unbeschreibliche Gefühl war.

Friedrich redet kaum über seine Gefühle. Friedrich ist anders.

Und dann ging Ole zum Regal und kramte aus der hintersten Ecke ein Kinderbuch hervor, dass wir vor 5 Jahren das letzte Mal gelesen hatten.

Das Buch heißt „Fiete Anders“. Es beginnt so: „Fiete ist anders, das kann man sehen. Und er spürt es… Er ist einsam.“

Emil und seine Mutter haben uns dieses Buch vor 8 Jahren zum Abschied aus Frankfurt geschenkt. Emil war Friedrichs Kindergartenkumpel im Frankfurter St. Antonius-Kindergarten. Es war so, als würden sie uns noch einmal aus der Ferne zuwinken. Und als hätten sie schon lange vor uns etwas Verstanden.

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