Freitag, der 4. Mai oder Doppelgeburtstage

Mein Gehirn ist ein anstrengender Ort. Manchmal bin ich dort. Manchmal mäandere ich fort. Das ist ein gutes Gefühl. So völlig führerlos (sorry!) unterwegs zu sein. Ich bin stolz auf diese Tugend. Manchmal frage ich mich, wer meinen Körper morgens ins Büro gefahren hat.

An manchen Tagen habe ich Schwierigkeiten wieder die Kontrolle zu übernehmen. Heute war so ein Tag. Es gab eine Oberleitungsstörung am Jungfernstieg an der U4. Ich wartete. Habe die Künstlerin Mine gerade für mich entdeckt. 10 Minuten. 20 Minuten. 30 Minuten bis ich mir eingestehen musste, dass die Oberleitung nachhaltig gestört war an diesem Tag. Ich musste aktiv werden. Ich lief zur Arbeit.

Gestern war auch so ein Tag. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mir Sorgen machen muss. Ich kaufte weiße Turnschuhe (wieder sorry, es gibt mal wieder eine weiße Turnschuh-Phase in meinem Leben, der ich mich JETZT stellen muss) und Bluetooth Kopfhörer für meinen Sohn. Erst in der U-Bahn nach Hause bemerke ich, dass ich mich im Regal vergriffen und die Bluetooth-Kopfhörer ohne Bluetooth gekauft und zu allem Überfluss die Quittung nicht eingesteckt hatte. Und zu Hause, dass die Schuhe eine Nummer zu klein sind.

Mein Vorgestern war ebenfalls von Hirnabstinenz geprägt. Den ganzen Morgen konnte mein Kopf erfolgreich ausblenden, dass meine Profi-Card in einer anderen Jacke steckte und ich somit schwarz zur Arbeit fuhr. Erst am Nachmittag im Metronom nach Harburg fiel es mir auf als ein Schaffner vor mir auftauchte und nach meiner Fahrkarte fragte.

Warum mein Gehirn sich manchmal verabschiedet. Keine Ahnung. Vielleicht vollführen Außerirdische komplexe Rechenleistungen auf meiner Festplatte, wenn ich nicht da bin. Vielleicht ist es auch manchmal verdammt geil, an nichts zu denken. Das schaffe ich sonst nur bei völlig überzogenem Netflix-Konsum.

Vielleicht passiert auch wirklich ein bisschen zu viel gerade in unserem Leben. Am Mittwoch – in Harburg – haben wir einen Rollstuhl für Friedrich ausgesucht. Und heute –  am Freitag –  seinen 13. Geburtstag gefeiert. Ich sehe den Titanic-Titel schon bildlich vor mir. Ja, genau den mit der Zonen-Gabi im Glück und ihrer ersten Banane. Nur dass die Zonen-Gabi Friedrich heißt und Bananen nicht mag. Ihr seht es jetzt auch, oder? Aber ich möchte nicht bitter und nicht zynisch sein. Und auch nicht verschweigen, dass es Spaß gemacht hat, unser Besuch im Sanitätshaus.

Wir durften alle vier Rolli fahren. Die Jungs sind echte Naturtalente. Ich nicht. Die Drehung hatte wieder etwas mit Intelligenz und räumlichem Vorstellungsvermögen zu tun. Aber sonst. Ne feine Sache. Und auch viel unbedrückender als erwartet. Dafür hat man dort geschultes Personal, die es so leicht und spaßig aussehen lassen, als würde man sich eine schicke Vespa oder ein neues Fahrrad aussuchen.

Außerdem gibt es wirklich geile Rollstühle. Richtige Rollstuhl Ferraris, die jedem Technik-Freak das Herz höher schlagen lassen würden.

Theoretisch. In einer anderen Welt.

Hätte die Evolution uns irgendwann in unserer Geschichte einen kleinen Streich gespielt und wir säßen alle ab Mitte 20 in einem Rollstuhl, wären anstelle von Autos oder Handys vermutlich Rollis Prestigeobjekte und würden unser Ansehen in der Gesellschaft definieren. Dann würden wir uns Sätze zuraunen, wie: „Hast Du gesehen, der hat schon wieder nen neuen Rolli! Das ist doch jetzt schon Rolli Nummer 4, den er in der Garage hat!“

Aber Schluss jetzt damit. Ich muss schlafen gehen. Morgen ist wieder ein Geburtstag. Meiner. Doppelgeburtstage feiere ich jetzt seit 13 Jahren. Es wird nicht leichter mit der Zeit, sage ich Euch.

1 Antwort
  1. Kathrin
    Kathrin says:

    🙂 Das erinnert mich an : Tanken – einsteigen und losfahren zur Arbeit…. und mich nach ein paar Kilometern fragen warum das jetzt alles eigentlich so schnell ging und warum ich das Gefühl habe Irgendetwas vergessen zu haben….: Yup- Bezahlen!
    Und sowas passiert mir, die ich eigentlich fast nur an meinen eigenen Sch… denken muss *lach*, ganz ohne Kinder: Da musst du dir bestimmt keine Sorgen um dein Gehirn machen ;).

    Schön dass es solche Verkäufer mit „Feeling“ gibt!

    Antworten

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