Frührentner in spe

Rentner in Almunecar

Heute hat mein Jüngster mich sehr zum Lachen gebracht. Nach der Schule sitzt er vor einer großen Schale mit Obststücken, die er genüsslich in sich hineinmümmelt, um dabei sehr ruhig und gelassen zu konstatieren: Mein Lebensmotto ist, erst die Belohnung und dann die Arbeit…

Ich kann mir vorstellen, dass einigen Eltern ein kalter Schauer über den Rücken laufen und der Gedanke sich breitmachen könnte: Haben wir in der Erziehung komplett versagt? Ich stelle mir diese Frage nicht. Mein Kind ist seit seiner Geburt komplett authentisch, in sich ruhend und zufrieden mit sich und der Welt. Aber auch sehr anders als andere Kinder. Ehrgeiz ist ihm fremd. Er möchte nicht gefallen. Ihm ist egal, was andere von ihm denken. Die Rente, und wie man direkt nach der Schule da hineinkommen könnte, ohne den lästigen Umweg durch 30 Jahre Berufstätigkeit zu nehmen, ist eines seiner Lieblingsthemen und das schon seit ein paar Jahren.

Integration von anders

Bevor Friedreich Ataxie in unser Leben trat, habe ich mir viele Sorgen gemacht um dieses Kind. Was, wenn er das mit dem Schreiben nicht hinbekommt? Wenn er ausgegrenzt wird, weil er anders ist? Er Leistungsziele nicht erreicht und schlechte Noten schreibt?

Heute hat er die Diagnose Friedreich Ataxie, die sein Anders-Sein nicht erklärt. Ich kann nur gelassener damit umgehen, weil es gegen Friedreich Ataxie ein Schluckauf ist, anders zu sein und murrende Lehrer zu ertragen, die mir sagen, wie verträumt und unaufmerksam mein Kind doch ist. Ich wünschte ich hätte das immer so gesehen.

Ich wünschte auch, das Integration nicht erst bei krank, sondern schon bei anders beginnen würde. Die Integration unseres Jüngsten war immer schwer. Weil er anders tickt als andere und man sich manchmal mit dem Vorwurf konfrontiert sieht, etwas falsch zu machen. Weil es – aus was für Gründen auch immer – wenig Konzepte für die Integration von anders gibt.

Schulische Integration sollte daher mehr bedeuten, als der gemeinsame Unterricht von behinderten und nicht-behinderten Kindern. Die Akzeptanz von anders wäre ein Anfang. Und natürlich Konzepte und Gelder anders im Alltag zu realisieren.

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