Handicap hits puberty

3 Wochen zuvor.

Pubertätspause:
Am Wochenende hat uns der Große zwei volle Tage Pubertätspause geschenkt. Wir waren so glücklich (und sorglos), dass wir am Montag vor lauter Übermut seine Herzmedikamente vergessen haben. Am Nachmittag saßen wir bei seinem Kardiologen. Um 16 Uhr wurde Friedrich ins UKE überwiesen. Dort saßen wir immer noch um ein Uhr Nachts. Irgendwann wurden wir nach Hause geschickt mit der Bitte wieder zu kommen, falls Friedrich noch einmal so starke Herzschmerzen hat. Erst am Dienstag viel uns beim Blick in Friedrichs Pillenbox auf, dass da irgendetwas fehlte.

Ich bin erleichtert und verängstigt zugleich. Ja, vielleicht war der ganze Grund für die Aufregung 46mg Metroprolol zu wenig. Vielleicht ist es gut, dass wir jetzt wissen, warum es Friedrichs Herz nicht gut ging und er Schmerzen hatte. Auf der anderen Seite macht es einem bewusst wie abhängig wir von all diesen Medikamenten sind und wie fragil unser Glück ist.

Setback:

Heute Morgen kam ich völlig erledigt ins Büro. Mindestens 3 Therapiesitzungen wären nötig gewesen, um meine innere Mitte wieder zu finden. Da im Büro nur Kollegen, keine Therapeuten sitzen, suche ich sie noch immer…

Ich weiß, was die Pubertät ist und was sie macht. Ich hatte sie ja selbst schon mal. Ich kann mich erinnern wie wahnsinnig schlau man sich fühlt. Und wie himmelschreiend dämlich. Es macht einen verrückt.

Neu für mich ist, am anderen Ende des Tisches zu sitzen. Der Pubertät ins Auge zu blicken und zu versuchen sich nicht in ihr zu verheddern. Eine ganze Weile schaffe ich es. Dann zwingt sie mich in die Knie. Ihre Waffe: Endlose Diskussionen über Themen, deren Sinnhaftigkeit sich meinem Elternhirn nicht erschließen. Spitzen, Ironische Bemerkungen und die subtile Botschaft (an mich) die totale Idiotin zu sein.

Es ging damit los, dass Friedrich noch um 7:40 Uhr ganz entspannt am Frühstückstisch saß und Overwatch League YouTube Videos über sein Smartphone konsumierte, während ich nervös um ihn herumwuselte. Meistens reichen Smartphone und Kopfhörer am Frühstückstisch aus, um meinen Blutdruck in gefährliche Grenzbereiche zu treiben. Ich wartete, damit ich ihn endlich mit der Vespa zur Schule fahren konnte. Ich ermunterte ihn aufzubrechen. Ich ermahnte. Ich wartete wieder. Ich schimpfte. Ich wurde laut.

Friedrich trollte sich in sein Zimmer. Nie würde ich Rücksicht nehmen und ihm die Zeit geben, die er nun mal brauche. Ich solle ihn jetzt erstmal in Ruhe lassen.

Innerlich schäumte ich. Äußerlich schaffte ich es die Küche aufzuräumen und wieder zu warten.

Um kurz nach acht wagte ich mich erneut in sein Zimmer. „Soll ich in der Schule Bescheid sagen, dass Du nicht kommst?“ fragte ich.

Und seine Reaktion?

„Was? Nach acht schon? Warum hast Du mir nicht Bescheid gesagt???“

Wir haben es dann doch noch irgendwie in die Schule geschafft.

15 Minuten zu spät, aber er war da. Das ist dieser Tage eine Erfolgsmeldung.

Schuldigung, selber Spitze UND Ironie. Die Pupertät holt eben nicht das Beste aus uns raus. Aus keinem von uns.

Und ich? Wie geht es mir dabei?

Meistens lache ich bei dieser Suggestivfrage, gerne aus Lehrer- oder Therapeutenmund kommend, etwas zynisch in mich hinein und denke: „Ihr werdet mich nicht knacken. Ich werde nicht heulend und winselnd vor Euren Füßen zusammenbrechen.“

Heute bin ich froh, dass mir niemand diese Frage stellt.

Ich bin wütend auf Friedrich. So wütend, dass jetzt, am Nachmittag, die Wut noch lange nicht verflogen ist. Ich bin entnervt. Von der Pubertät, von Friedreich Ataxie und allem, was diese Krankheit mit sich bringt. Das Schaukeln, das Wackeln, die Angst, die Zukunft und der Weg dorthin. Und natürlich schäme ich mich für meine Gedanken. Wenn meine Wut zu groß ist, steige ich auf mein Rad und fahre im Stehen ins Büro. Nur weil ich es kann.

Und dann frage ich mich, wie Friedrich abschalten und loslassen kann.
Und oft lande ich dann – in Gedanken – bei Overwatch League YouTube Videos auf dem Smartphone.

4 Kommentare
  1. Ingeborg
    Ingeborg says:

    Liebe Melle, Ihr Lieben,
    ich denke so viel an euch. Jeden einzelnen Tag. Das hilft niemandem, ich weiß.
    Aber ich weiß nicht, was ich sagen oder tun kann. Wollte hier hereinschauen, um zu erfahren, wie es bei euch so ist… Gundel mag ich nicht fragen…
    Fühlt euch umarmt, und wenn ich irgendetwas Sinnvolles tun könnte, lasst mich das bitte wissen…
    Viele liebe Grüße
    Ingeborg

    Antworten
    • melle
      melle says:

      Liebe Ingeborg, vielen Dank für Deine Nachricht. Ich melde mich, sobald ich Dein Recherche-Talent brauche. Lass uns auf Gundels Geburtstag drücken. Ich hoffe ich sehe Dich da. Melle

      Antworten
  2. Natalie Ehl
    Natalie Ehl says:

    Hallo,
    wollte dir mitteilen, dass ich deine Kraft und Einstellung bewundere. Bei meiner Tochter wurde vor kurzem ebenfalls die Friedreich Ataxie
    festgestellt und wir haben noch einen weiten Weg vor uns mit dieser Diagnose zu leben. Aber Aufgrund deines Blogs sehe ich, dass es trotz allem
    mit Zuversicht möglich ist. Danke dafür.

    Grüße Natalie

    Antworten
    • melle
      melle says:

      Liebe Natalie. Danke für Deine Nachricht. Die meiste Zeit haben wir genug Kraft. In den letzten Wochen hat sie leider etwas gefehlt. Oft geht es alleine und ohne Hilfe. Jetzt brauchen wir sie mal. Euch alles Gute und viel Kraft und Hilfe, wenn Ihr sie mal braucht. Liebe Grüße, Melle

      Antworten

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