QualityTime mit QualityLand

Unsere Familie hat alles gelesen und gehört, was das Känguru-Universum zu bieten hat.
Chroniken, Apokryphen, Manifeste… You name it. Wir lachen hämisch, wenn einer von uns auf ein „Halt mal kurz“ hereinfällt und Känguru-Anspielungen (Ich bin Herta, das sind doch bürgerliche Kategorien, das steht auf meiner not-to-do-Liste) sind integraler Bestandteil unserer familiären Kommunikationskultur.

Trotzdem stand das Buch QualityLand fast zwei Jahre unangetastet in unserem Bücherregal. Ich glaube es lag daran, dass meine Kollegin es mir mit dem Schlaumeier-Begriff Dystopie angepriesen hatte. Wer will schon zu den Menschen gehören, die in ihrer Freizeit Dystopien lesen.

Im Urlaub hatte ich es jedenfalls dabei und nachdem ich den Kindern einige Stellen vorgelesen hatte, wollten erst Ole, dann Friedrich es lesen, bevor ich ran durfte. Es war super.
Manche Stellen im Buch beschreiben die Zukunft, andere sind bereits heute Realität und genau das hat das Buch so spannend gemacht.

Ich kenne Peters Problem, das Problem, dass Algorithmen mir mit einer penetranten Ignoranz Dinge vorschlagen, die ich nicht will, weil sie meinen mich zu kennen.

Nur weil ich einmal auf die Kacke haue und eine luxuriöse Reise nach Khao Lak buche, bedeutet es nicht, dass ich ab jetzt tagtäglich Dinge angeboten bekommen möchte, die ich mir nicht leisten kann.

Nur weil ich für meine Arbeit das Segment der Sportwetten und Online Spielotheken recherchiere, möchte ich bitte keine Tipico Werbung in Endlosschleife auf mein privates Handy bekommen.

Und nur weil ich für meine Kinder etwas zu seltenen Erkrankungen recherchiere, möchte ich mich nicht ständig mit Hilfsmitteln, Rollstühlen und Aufbaupräparaten beschäftigen.

Stellt Euch bitte Freunde vor, die in Gesprächen immer nur das gebetsmühlenartig wiederholen, was Thema der letzten Unterhaltungen war – schlimmer noch: nur Deine Meinung Wiederkäuern würden.

Meine Freunde haben ihre eigenen Geschichten, Erlebnisse und Probleme, die sie loswerden wollen. Sie trösten mich, wenn ich traurig bin, sie sagen ihre Meinung und schenken mir ein Achtsamkeitsbuch, oder den kleinen Taschenbuddhisten, wenn sie denken, dass ich es nötig habe. So etwas bringt einen nach vorne.

Und auch andere Alltagsbeschreibungen aus QualityLand sind mir allzu geläufig.

Zum Beispiel dieser Superlativismus. Die cleverste App. Die schönsten Menschen. Die beste Pizza.… Ich hasse das. Wie viele unterschiedliche Pizzen unterschiedlicher Lokale seiner Stadt isst ein Durchschnittsmensch, bevor er behauptet, dies sei definitiv die beste Pizza der Stadt. Warum reicht es nicht: „Die beste Pizza, die ich seit langem gegessen habe“ zu essen oder einfach nur „Echt leckere Pizza“ …

Oder der mediale Schrei nach Aufmerksamkeit. Mein Handy spielt mir jeden Tag unzählige Clickbaits aus, reißerische Überschriften mit dem Ziel Zugriffsraten auf Websites zu erhöhen, um höhere Werbeeinnahmen zu generieren, oder Produkte bekannter zu machen, die mich nicht interessieren.
Ich sage nur: „Als sie ihm dieses Foto aus dem Urlaub zuschickte, machte er sofort Schluss. Der Grund dafür ist einfach unglaublich!“

Oder die völlig deplatzierte Ausspielung von Werbung im Netz. Letzte Woche las ich einen langen und kritischen Artikel über die Auswirkungen der Kreuzfahrt-Industrie auf unser Klima und bekomme quasi zwischen den Zeilen Display-Banner mit Werbung für AIDA Kreuzfahrten ausgespielt. Sehr schräg.

Auf jeden Fall finde ich Marc Uwe Kling noch ein bisschen toller als vorher. Intellekt macht bekanntlich sexy. Wobei es mich schon wundert, dass die Google-Such-Vorschläge bei einer Marc Uwe Kling Google-Suche so asexuell ausfallen. Vielleicht ist es, weil wir doch in bürgerlichen Kategorien denken und woran denken wir, wenn wir an Liedermacher, Kleinkünstler oder ein Philosophie-Studium denken?

Wahrscheinlicher ist jedoch, dass Herr Kling in seinen Geschichten so überzeugend ist, dass alle denken er sei schwul und stecke in einer komplizierten On-off-Beziehung mit einem Känguru ….

Ohne Ego bitte!

Menschen haben die Unart sich gegenseitig das Leben schwer zu machen.

Deshalb werden wir uns irgendwann in der Zukunft für nichtmenschliche Beziehungen entscheiden.

Sobald der Roboter erstmal im Haus ist und damit ein rational denkendes und handelndes Wesen, werden wir uns fragen, wie wir es all die Jahre miteinander ausgehalten haben. Mit all den Bedürfnissen und unserer Vergangenheit, mit unseren Empfindlichkeiten, unseren Dämonen und Depressionen. Und wenn uns das mal zu langweilig wird, werden wir in den Mystery Modus wechseln oder den Surprise Button am Roboter drücken und uns kurz schaudern und erinnern, wie es früher einmal gewesen ist, als wir nur uns hatten.

Oder wir schaffen es Wesen zu programmieren, die nicht nur an den Erhalt und die Maximierung ihrer eigenen Existenz denken, sondern das große Ganze im Blick haben. Sie würden uns vielleicht davon abhalten Waffen zu produzieren und sie nach Saudi-Arabien oder Syrien zu exportieren. Und sie würden unsere Urlaubs-Kreuzfahrten und Auslandsflüge streichen, denn wir finden es zwar super, dass unsere Kinder an den Fridays for Future auf die Straße gehen und bestärken sie, dass die Umwelt unser wichtigstes Gut ist, aber hey, es muss doch wohl gehen, ohne dass es richtig weh tut. Oder etwa nicht?

Roboter ohne EGO bitte. Das wünsche ich mir für die Zukunft.
Ohne Subjektbezogenheit des Denkens und Fühlens. Ohne eigene Geschichte.

Und wir Menschen dürfen weiter Individuen bleiben, mit eigener Identität. Nur dass die OHNE-EGO-ROBOTER leider das sagen haben werden. Weil wir das nicht so gut können.

Sie würden uns erlauben unser eigenes T-Shirt zu batiken. Sie würden und erlauben Hip Hop zu tanzen. Und Musik zu hören. Aber nicht zu laut. Das würde die anderen Menschen vielleicht aggressiv machen.
Sie würden uns nicht erlauben Waffen zu kaufen oder zu verkaufen. Sie würden uns nicht erlauben zu viel Müll zu produzieren und Wasser zu verschwenden. Das wäre das Ende der Freiheit. Freiheit ist ein hohes Gut. Aber nicht das Höchste. Das bleibt das Leben selbst.

Vielleicht möchte ich auch an eine weitere kognitive Revolution glauben, wie sie schon einmal vor 80.000 Jahren stattgefunden hat. Mit Ihr begann der sagenhafte und kometenhafte Aufstieg des Homo Sapiens an die Spitze der Nahrungskette. Wir haben die Fähigkeiten alle anderen Lebewesen zu beherrschen.
Nur uns selbst zu beherrschen, das schaffen wir leider noch nicht

Hang loose

Ich möchte so gerne eine richtige Hausfrau zu Hause haben. Ich bin nämlich nicht so gut in sowas. Ich wasche alle Wäsche zusammen bei 30 Grad. Ich lebe im Bügel-Zölibat. Ich hasse es Gerichte mehr als dreimal zu kochen. Wenn ich es kann ist es langweilig. Ich verabscheue Dinge wie verschönern oder schmücken. Basteln ist mir ein Greul. Und wenn irgendetwas bei mir gut wächst, dann ist es der Schimmel in vergessenen Reis- Nudel- oder Gulaschtöpfen.

Doch anstatt ständig meine Wunden zu lecken und mich darüber aufzuregen, wie wenig mir einer Abgeht, wenn ich die Dinge gut und richtig mache, habe ich mich nun entschieden meine Visionen für ein entspanntes Hausfrauendasein in einem Buch zu veröffentlichen. Einem Ratgeber für schlechte Hausfrauen eben.

Getreu meinem Mantra: Housework less. Hang loose.

Es gibt auch schon einen Titel:

The sloppy housewives guide

Bei dem Untertitel bin ich mir allerdings noch unsicher:

  • Durch konsequente Vermeidung von Hausarbeit zu mehr Gelassenheit und innerer Ruhe
  • Wie ich zur Schlampe wurde und die Liebe meiner Familie zurückgewann
  • 100 Tricks den Haushalt in Schuss zu halten ohne sich die Hände schmutzig zu machen
  • Ergebnis durch andere im häuslichen Umfeld
  • Motivationstechniken für Mitbewohner
  • Außen hui und innen pfui für die pragmatische Hausfrau
  • Zur perfekten Balance zwischen Lieblingsschwiegertochter und Yummy Mummy

ODER

  • Der Wert eines sauberen Zuhauses im kosmischen Ganzen

Falls Ihr eine Idee für den Untertitel habt, schickt sie mir bitte schnell. Ich habe nur noch 400 leere Seiten vor mir..

Der Blick aus meinem Fenster 2 oder Hupverhalten

Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich einen Marktplatz. Ich sehe eine Bäckerei, ein Reformhaus und eine Apotheke. Ich sehe eine Döner-Bude, einen Falafel-Laden und zwei Pizzerien. Das Beste was ich jeden Tag sehe, sind Menschen. Das schlimmste die Autos, die an meinem Fenster vorbeirauschen. Die Menschen hetzten oder schlurfen oder ducken sich unter Regenschirme. Sie stehen in Gruppen zusammen oder halten Kinder an den Händen. Merkwürdig wieviel Mensch man mitbekommt, wenn man sie so beobachtet. Manchmal fühle ich mich wie Professor Grzimek. Ich denke: „Ach ja, der Mensch, was für ein possierliches Tier.“

Wenn sich die Menschen in Fahrzeuge setzen, sind sie mir gleich viel weniger sympathisch. Dann hupen sie nämlich oft und gerne und wenn man an einer großen Straße wohnt wie wir, dann ist das sehr anstrengend. Menschen hupen eigentlich immer, aber mehr noch jetzt in der Weihnachtszeit. Dann muss alles noch schneller gehen und die Nerven liegen blank und dann reicht es schon, wenn man 3 Sekunden warten muss, um völlig auszurasten und sich auf seine Hupe zu stürzen. Den Autofahrern hilft es auch nicht zu sehen, was die Ursache des Übels ist. Wenn zum Beispiel ein Auto entladen wird oder ein Laster im Weg steht, bringt es wenig im Akkord zu hupen. Meistens ist es so, dass die Person genau an dieser Stelle auslädt, weil sie es aus irgendwelchen Gründen muss, nicht weil sie zu dämlich ist. Das vergessen viele. Sollte die Person allerdings wirklich dämlich sein, lässt sie sich erfahrungsgemäß auch wenig von hupenden Autos beeindrucken. Und noch was: Was bitte soll es bringen, wenn auch noch der zweite, dritte oder vierte in der Reihe der wartenden Autos hupt?

Ich habe daher folgende Bitte:

Wenn Sie das nächst Mal die Hupe Ihres Autos betätigen wollen, fragen Sie sich doch vorher, ob wirklich Gefahr für Leib und Leben von Ihnen oder Ihren Mitmenschen besteht. Nur dann soll und darf man nämlich laut Straßenverkehrsordnung hupen. Sollte dies nicht der Fall sein, dann atmen Sie bitte SEEEEEEHHHHHR RUHIG ein und aus und ein und wieder aus. Sehen Sie, jetzt geht es Ihnen gleich viel besser, oder?

Kreieren Sie ein positives Bild in Ihrem Kopf von dem Menschen, der gerade die Verkehrsverzögerung verursacht. Denken Sie Dinge wie: „Mensch, der Harald hat es auch nicht leicht. Jetzt hat seine Frau ihn von Pinneberg in die Großstadt zum Einkaufen geschickt, und dann funktioniert auch noch das Navi nicht und er ist spät dran und verfranst sich dauernd. Natürlich lasse ich ihn jetzt noch einmal die Spur wechseln!“ Oder: „Marlies hat sich das wohl alles etwas anders vorgestellt. Jetzt, wo das dritte Kind da ist, arbeitet ihr Mann noch mehr als vorher und zwei Kinder in die katholische Grundschule zu bringen, mit einem BMW SUV für den man nie einen Parkplatz bekommt, den man aber unter Sicherheitsaspekten und NUR unter Sicherheitsaspekten kaufen musste, ist wirklich kein Zuckerschlecken.“

Mit dieser Technik werden sie so viel Liebe und Verständnis für Ihre Mitmenschen verspüren, dass es nicht nur Ihr Hupverhalten, sondern wahrscheinlich Ihr ganzes Leben verändern wird.

Der Blick aus meinem Fenster

Es mag komisch klingen und vielleicht ein bisschen morbide, aber mein größter Wunsch in meiner Kindheit war es sehr, sehr alt zu sein. Ich hätte damals gerne dieses große Gefühl der Ungewissheit und nicht zu wissen was kommt mit dem Gefühl getauscht alles schon erlebt zu haben.

In meinem Traum vom Alt-sein sitze ich allein in einem Zimmer am Fenster und schaue hinaus in einen Hinterhof. Dort gibt es nicht viel zu sehen, nur manchmal läuft jemand über den Hof und ein Hund schnüffelt an einer Hauswand herum und etwas Kreide verblasst langsam vom letzten Spiel der Kinder. Manchmal regnet es und dann scheint die Sonne oder es ist neblig aber meistens ist das Wetter egal, denn alles Leben, was es zu Leben gab, habe ich in mir. Ich zehre davon in meinem Traum und bin glücklich.

Als ich erwachsen war, fragte ich mich oft, warum mich dieser Tagtraum so intensiv begleitet hat. Er passt so gar nicht zu mir. Ich bin im Alltag nämlich sehr ungern alleine.

Vielleicht hat mich einfach beruhigt, dass ich in diesem Tagtraum alt werden durfte. Wir alle leben jeden Tag mit dem Wissen, dass es für uns einmal zu Ende gehen wird und mit der Ungewissheit den Moment nicht zu kennen an dem es passiert. Die meisten von uns verdrängen diese Tatsache. Wer sich vor seinem letzten Lebensabschnitt mit ihr beschäftigt, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit schräg angeschaut.

Ich mag das Gefühl der Ungewissheit nicht und nicht zu Wissen wann und wie es mit uns zu Ende geht, empfand ich schon immer als Zumutung.

Ich kann es generell kaum ertragen, wenn ich nicht weiß was Sache ist. Dieser Blindflug beim Doppelkopf zum Beispiel. Soll ich schmieren oder den Stich übernehmen? Wenn ich´s wüsste, könnte ich das Richtige tun. Unerträglich es nicht zu wissen. Oder die langsame Herantasterei beim Aufbau erotischer Beziehungen. Ich habe viele Freunde, die dieses Spiel über Jahre ausgekostet und genossen haben. Ich fand es furchtbar.

Was mich als Kind nie interessierte, war die Frage, wie man sein Leben füllen soll. Das es unterschiedliche Arten gibt, die Zeit zu füllen, ist ja auch schon einmal eine Erkenntnis für sich. Heute beschäftige ich mich oft mit dieser Frage.

Ist es wichtig ein ausgefülltes Leben zu haben oder kommt es auf die Länge an? Ist es wichtiger viel zu sehen oder viel zu fühlen? Ist es unsere Aufgabe andere glücklich zu machen oder selbst glücklich zu werden?

Ich bin durch die Geburt unserer Kinder zu einem anderen Menschen geworden. So fühlt es sich zumindest an. Die Krankheit meiner Kinder haben mein Leben und mich ein zweites Mal komplett verändert. Es sind keine Veränderungen, die man von außen sieht. Nur ich bemerke sie, weil meine Wahrnehmung eine andere geworden ist.

Heute möchte ich nicht mehr alt sein. Ich möchte nicht mehr alles schon hinter mir haben. Ich möchte jeden Tag Erinnerungen sammeln. Damit ich was zu zehren hab, wenn ich jemals alt und klapprig an Fenstern sitzen sollte.

Ladegerät Flat

Immer such ich. Immer fluch ich. Immer kauf ich neue ein.

Es müssten langsam an die hundert sein.

 

Immer an die 0 Prozent. Bin ich der Einzige der wieder panisch durch die Wohnung rennt?

Ihr klaut doch wie die Raben. Ihr bunkert unterm Bett.

Ich will sie gleich im Dutzend haben.

Ich will nur eins: Die Ladegerät-Flat.

 

Yeah, ich will die Ladegerät Flat, das fänd ich ziemlich fett.

Die Ladegerät-Flat – von der Küche bis zum Bett.

 

Immer frag ich. Immer sag ich. Wo ist es hin? Wer hat´s versteckt?

Hab neulich erst eins hinterm Schrank entdeckt.

 

Ich will doch nur das Eine. Davon krieg ich nie genug.

Das Meine kriegte Beine. Und wer´s jetzt hat bist Du.

 

Ihr klaut doch wie die Raben. Ihr bunkert unterm Bett.

Ich will sie gleich im Dutzend haben.

Ich will nur eins: Die Ladegerät-Flat.

 

Yeah, Schubi Du Duuu.

Die Ladegerät-Flat.

Anders produktiv

Friedreich Ataxie

Sollen wir uns über Menschen aufregen, die Saumagen und Presskopf essen oder uns lieber freuen, dass sich jemand um die Reste kümmert, die sonst keiner mag?

Macht denken schlauer als lesen?

Welchen Wert hat meine saubere, aufgeräumte Wohnung im kosmischen Ganzen?

Ist es wichtiger zu lieben oder geliebt zu werden?

Sieht man wirklich nur mit dem Herzen gut oder hilft es zu denken?

Warum ist Blut dicker als Wasser? Weil wir uns ähnlich sind oder einfach schon ziemlich viel miteinander erlebt haben?

Ist guter Sex ein schlechter Grund zu heiraten?

Was ist das Wesen der Liebe? Warum haben Menschen einen Riesenplatz in meinem Herzen, obwohl sie in meinem Alltag kaum vorkommen und manche sind immer da, aber vollkommen bedeutungslos?

Warum sind wir unehrlich zu uns selbst?

Warum hören wir irgendwann auf, Fragen zu stellen und Antworten zu suchen?

Geht doch: Tier statt Fluss

Friedreich Ataxie Seltene Erkrankungen

Dies möchte ich meiner „Geht-doch-Sammlung“ auf jeden Fall hinzufügen. Ich habe „Fluss“ schon immer als Zumutung empfunden.

Geht doch: Roller statt Rad

Not macht bekanntermaßen erfinderisch. Krankheit auch. Das lerne ich von all den neuen Freunden und Bekannten, denen wir seit unserer Diagnose im letzten Jahr begegnet sind. Für die meisten Ziele, gibt es mehr als einen Weg. Man muss ihn nur suchen…. Seitdem versuchen wir Dinge eben anders oder einfacher zu machen, um dann sagen zu können: Geht doch ….

Sätze wie dieser …

seltene Erkrankungen - Friedreich Ataxie

Es gibt sie einfach, diese Sätze, die einem alles aus dem Gesicht fallen lassen, die lieb gemeint, aber nicht hilfreich sind und die einen an einem schönen, sonnigen Tag, der gut begonnen, gut verlaufen und auch gut zu Ende gegangen wäre, wieder ganz auf Anfang setzen.

Ich hasse diese Sätze. Nicht dass es viele davon gäbe. Im meinem Repertoire gibt es genau zwei Hass-Sätze, die mich wild machen, nicht mehr. Der Rest ist entweder lieb gemeint und auch so rübergekommen oder geht unter zwischen all den Nettigkeiten, die wir jeden Tag erfahren.

Wenn Du auch Vater oder Mutter eines kranken Kindes bist, hast Du vielleicht auch ein paar Sätze, die Du am liebsten nie wieder hören würdest.

Satz eins kam gestern über die wohlmeinenden Lippen einer Nachbarin. Er ging irgendwie so:

„Ich glaube, dass das Schicksal sich immer starke und ganz tolle Eltern heraussucht. Dein Mann und Du Ihr seid die besten und tollsten Eltern, die sich die beiden Jungs in so einer Situation wünschen können.“

Ich hasse diesen Satz aus so vielen Gründen.

Erstens impliziert er einen Beitrag von uns zu unserer Situation. Wir waren wahrscheinlich viel zu gute Eltern. Hätten wir doch bloß nicht jeden Abend unseren Kindern vorgelesen. Wären wir doch nicht so glücklich gewesen und hätten an den Wochenenden lauter Kinder-Sachen unternommen.

Zu glücklich waren wir, da kann das Schicksal schon mal auf dumme Gedanken kommen.

So eine Scheiße!

Wahrscheinlich ist es ein sinnloser Versuch, in allem einen Sinn zu finden. Es gibt aber keinen Sinn in der Verteilung von genetischen Erkrankungen, von Kriegen, Naturkatastrophen und terroristischen Anschlägen. Sie sind absolut sinnlos. Sie werden nicht gerecht verteilt. Vielen fällt schwer dies zu akzeptieren – auch uns.

Außerdem hätte ich mich gefreut, etwas Positives über meine elterlichen Qualitäten vor den Diagnosen zu erfahren. Habe ich auch, aber nicht von besagter Nachbarin.

Dieses „Hochloben“ von uns Eltern in so einer Situation ist doch eh Quatsch: „Wie Ihr das alles macht.“ „Ich bewundere Euch!“ „Ich könnte das nicht.“ Alles schon oft und oft gehört.

Habt Ihr mal über unsere Alternativen nachgedacht? Es gibt das Leben und es gibt den Tod. Wir haben uns für das Leben entschieden, wie fast alle Menschen, die mit Krankheiten leben müssen (ja leben dürfen) und da nahmen wir alles mit, was uns das Leben schöner macht und alle Medikamente und Therapien, die es verlängern. Mehr ist es nicht.

Vielleicht wollen Freunde, Bekannte, Nachbarn, Familienangehörige auch einfach etwas Nettes sagen und wissen nicht was, einfach um einen aufzumuntern.

Ich habe zwei Freundinnen, die beide weiter weg wohnen, und die es trotzdem immer wieder schaffen, mich aufzumuntern – mit einer Song-Empfehlung, einem Gedicht, einem Foto oder irgendeinem Nonsens. Es ist leicht und es gibt keine besonderen Regeln für Eltern wie uns.

Vielleicht sind wir es auch gewohnt, dass sich viele Dinge, die uns Sorgen machen, in Wohlgefallen auflösen. Aber eben nicht alle. Wenn die Sorgen bleiben, sollte es doch erlaubt sein, das Kind beim Namen zu nennen.

Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie betreten einen Raum. Im Raum steht ein Tisch. Auf dem Tisch dampft ein mittelgroßer Scheißhaufen. Was würden Sie sagen:

A Schön, dass es zwar ein mittelgroßer Scheißhaufen, aber kein ganz großer Scheißhaufen ist.

B Ich mach das schnell mal weg

C Scheiße!

A ist unwahrscheinlich, oder? Daher liebe ich die Cafe-Sessions bei unserem Lieblings-Portugiesen mit einer Freundin. Wir sagen, was doof ist. Wir sind zusammen traurig. Wir starren halbleere Latte Macchiato Gläser an. Wir überlegen, was wir tun können. Wir machen weiter. Wir lachen. Wir schmieden Pläne. Zwischendurch darf man sich für Antwort C entscheiden!

Und meine Schwägerin ist im Dauer-B-Modus. Vielen Dank dafür. Ich weiß nicht, was wir ohne Euch täten.