Letzter Tag Albanien

Friedrich und ich liegen im Hostel Durres an der Küste Albaniens in unserem Familienzimmer und schwitzen. Gestern Abend hatte er unsere Situation wie folgt zusammengefasst:

„Es gibt 3 Dinge, die eine Unterkunft für mich zu einer guten Unterkunft machen: Erstens eine angenehme Temperatur, zweitens nächtliche Ruhe, drittens Dusche und Klo auf dem Zimmer. Dieses Zimmer hat nichts von alledem.“

Da war es ca. 23 Uhr und der nächtliche Zumba-Kurs auf dem Marktplatz vor unserer Herberge noch in vollem Gange. Irgendwann schliefen alle bis auf einen. Der sprang um vier Uhr in der Nacht auf und rief: „Ich kann nicht mehr, ich geh jetzt duschen!“ Ich schlief zu schnell wieder ein, um meinen Mann zu bemitleiden oder festzustellen, ob er irgendwann vom Duschen zurückkam. Am nächsten Morgen lag er jedenfalls wieder in seinem Stockbett und seine Füße ragten rechts und links über den Bettrand.

Jetzt sitzen wir im großen Innenhof der Herberge. Das Frühstück entschädigt für die laute und heiße Nacht. Es gibt Toast mit Marmelade, Schafskäse, Tomaten, Gurke, Ei. Und gleich lernen die beiden im zarten Alter von 11 und 13 Jahren den hippiejesken Charme eines Daseins kennen, in dem man die Teller und Tassen der Vorbesitzer spülen muss, bevor man Frühstücken kann, weil diese überstürzt abreisten oder einfach dringend an den Strand mussten. So lernen die beiden eine weitere wichtige Lektion für ihr weiteres Leben. Welche das sein soll, ist mir selbst noch nicht klar.

Mehr als 2 Wochen Albanien liegen jetzt hinter uns. Wir haben die Zeit mit unseren Freunden verbracht, die teils wieder abgereist sind, teils noch weiter durch Albanien reisen. Wir vermissen sie schrecklich. Am schlimmsten ist es für Ole. Er möchte ständig den Rest seines Clans anrufen und sie besuchen. Ein Glück das wir dieses Jahr noch viele Gelegenheiten haben werden uns zu sehen.

Albanien ist ein schönes Land. Auf der Fahrt vom Süden zurück nach Durres haben wir es mit einer wunderschönen Frau mit schlechten Zähnen verglichen. Die Zähne offenbaren sich immer dann, wenn man am Straßenrand Müllberge oder Geröllhaufen sieht, oder Menschen in Wellblechhütten, oder wenn in Tirana das Wasser ausgeht für einige Stunden oder man befürchten muss in einen Gulli oder andere Baulöcher zu stürzen, denn Tirana ist ein Tretmienenfeld.

Doch die meiste Zeit sehen wir die wunderschöne Frau, die freundlich und zurückhaltend lächelt. Albanien ist freundlich zu uns, aber nicht überschwänglich und laut. Wir treffen so viele nette Menschen. Sie wollen uns gerne teilhaben lassen an ihrem Land. Das haben wir vor allem in unserer langen Golem-Nacht erlebt, in der wir mit den Einheimischen Kreistänze tanzten, bei denen wir auch nach stundenlangem Kreistänze tanzen nicht im mindesten die Schrittfolge zu begreifen vermochten. Es sah bei unseren neuen albanischen Freunden doch alles so einfach aus. Und warum schwitzten wir wie die Schweine und unsere Gastgeber sahen auch zu vorgerückter Stunde noch frisch und unverbraucht aus?

Es gibt unglaublich nette Menschen hier. Unsere Vermieterin in Golem, die Pakete für uns zur Post bringen möchte und uns Berge von Medikamenten hinterherschicken muss. Das Mädchen auf dem Campingplatz in Skoder, die zwar unsere Zimmer komplett vergeben hat, die mit ihrem Charme und den Ersatzzimmern jedoch alles mehr als gut macht. Außerdem, wer fragt noch nach den Zimmern, bei dem tollen Pool. Und unsere Gastväter im Valbone-Tal, die unser komplettes Barbecue für uns im Tal zusammenkauften und die wir wahrscheinlich auf ewig in guter Erinnerung behalten hätten, wenn es bei der Endabrechnung nicht diverse Schwierigkeiten gegeben hätte. Da hatte man nämlich 14 Erwachsene berechnet und nicht 6 und 5 Kinder.

Egal, wir sind nicht der albanischen Blutrache zum Opfer gefallen, die in einigen der Bergdörfer noch bis in die 90er Jahre praktiziert wurde, sondern sicher aus dem Tal herausgekommen.

Was wir mitnehmen? Ein Schunkeln im Herzen. Ich spüre es immer noch. Die langen Fahrten durch die albanischen Berge und Alpen wirken nach. Sogar die Küstenstraßen scheinen nur aus Serpentinen zu bestehen, die hoch oder runter führen. Und dauernd möchte man aussteigen um Fotos zu schießen, weil sich wieder ein völlig neuer Blick ins Tal eröffnet. Außerdem ist das Meer an manchen Tagen wunderbar ruppig. Fast wie der Atlantik.

Ich mag eigentlich keine chronologischen Reiseberichte, aber vielleicht werde ich unsere 18-Tages Tour von vorne bis hinten noch einmal herunter schreiben. Für uns zur Erinnerung und falls jemand unsere Route, die sehr zu empfehlen ist, einmal nachfahren möchte.

Gebt mir nur etwas Zeit…

Die Bilder-Sammler

Friedreich Ataxie

Seit 6 Wochen mag ich nichts mehr schreiben. Alles schon gesagt, denke ich und dass ich froh bin über den Umstand, dass ich mit Schreiben kein Geld verdienen muss. Sätze sind mir lästig im Moment. Sie müssen ja noch gebildet werden und liegen nicht schon irgendwo rum, wo sie nur eingesammelt und aufgehängt werden müssen.

Ich denke stattdessen über die Liebe nach. Wie dankbar ich für diese menschliche Regung bin. Wie viel sie verzeiht. Wie stark sie ist. Wie unnachgiebig und schön. Meine Kinder werden immer meine große Liebe bleiben. Keine Krankheit wird das je ändern.

Statt Sätzen sammle ich neuerdings Bilder. Friedrich steht in einem runden Pool mit übergroßem Neoprenanzug und lacht. Ole rennt mit Line über die Wiese und schwingt sein Schwert. Wir ziehen Ole durch die engen, steilen Gassen von Tonerre. Dann nehme ich ihn auf den Rücken und er kuschelt sich an mich. Friedrich und Sara stecken beim Doppelkopf-Spiel die Köpfe zusammen und beratschlagen den nächsten Zug. Friedrich an meiner Hand, die er immer häufiger nimmt. Das Leben ist endlich und ich Scheiße drauf. In den langen Urlaubs-Nächten im Burgund sitzen wir mit Freunden im Burghof und trinken Wein aus Kanistern. Wir essen viel zu gut und viel zu viel, weil wir das gerne tun und wenn einer zwischendurch aufstehen muss, weil ihm die Hutschnur platzt, freuen wir uns, wenn er wiederkommt und wenn einer weinen muss, nehmen wir ihn in den Arm und warten, wie es weitergeht.

Den Kindern tut das Leben in der Kommune gut. Sie lassen sich nach einer Woche von den anderen Eltern trösten und durch die Gegend tragen oder bitten selbstverständlich um Hilfe und wir Eltern schaffen es – wie durch ein Wunder – nicht nur die eigenen Kinder mit Würstchen und Wasser zu versorgen. Neuerdings haben wir sogar einen Yoga-Lehrer und daher ständig Muskelkater, dafür geschmeidige und gedehnte Hüften und einen schon viel besseren Einbein-Stand.

All die gesammelten Bilder werden wir brauchen. Nicht um sie in Alben zu kleben, die man in langen Winternächten hervorholen und wehmütig durch die Seiten blättern kann. Die Jungs werden sie brauchen, um zu wissen, dass das Leben gut ist und wie es sich anfühlt Teil einer Gruppe zu sein. Von Friedrich höre ich neuerdings manchmal den Satz: „Mich würde bestimmt keiner vermissen“ oder „Ich schäme mich, wenn mir das Essen von der Gabel fällt oder ich mein Würstchen nicht schneiden kann“. Es sind gefährliche Sätze. Ich weiß, warum er sie fragt und dass er sie fragen muss. Ich sage ihm, dass sich die Anderen natürlich freuen, wenn er dabei ist, dass das aber nicht der Punkt sei. Ich weiß, dass er es liebt Teil einer Gruppe zu sein. Er soll keine Angst haben dieses Bedürfnis weiter auszuleben aus Angst vor den Reaktionen Anderer. Deshalb frage ich ihn: Was ist mit Dir? Was möchtest Du in diesem Moment? Denn mehr als alles andere wünsche ich den Beiden die Freiheit und die Kraft für die Dinge zu kämpfen, die sie glücklich machen.

Schottland

Wir haben ein neues Land-Unserer-Träume. Es liegt auf dem nördlichen Drittel der größten europäischen Insel, sowie mehrerer Inselgruppen. Es besteht aus High- und Lowlands und jeder Menge Löcher, von denen Loch Ness das bekannteste, jedoch keinesfalls das schönste ist. Es zeichnet sich durch äußerst freundliche Menschen aus. Freundlichkeit suggerieren diese durch die meist lachenden Gesichter. Verstehen kann man sie eher selten, weil sie English mit einem schottischen Akzent sprechen. Wenn man allerdings etwas in die Sprache hineinwachsen möchte, bevor man das Land bereist, sollte man unbedingt den Film Brave im Original anschauen oder so viele Dragons-Folgen, wie man bis Reisebeginn schafft.

Ein weiterer Tipp ist es dieses Land nur mit sehr guten Freunden zu bereisen. Die Netzabdeckung ist schlecht. Ergo kommt der zwischenmenschlichen Kommunikation eine gesteigerte Bedeutung zu. Auf den Punkt gebracht: Es hilft, wenn man mit seinen Freunden reden kann und möchte! Ganz prima läuft es, wenn diese auch noch trinkfest sind. Das schmälert das schlechte Gewissen, wenn man nach einigen Tagen die Lodge räumen muss und sich verdächtig viele Wein-, Cider-, und Whiskyflaschen angesammelt haben. Man hat das ja schließlich nicht alles alleine getrunken.

Weitere Highlights, die für uns diese Reise unvergesslich machen werden: Regen und noch mehr Regen in Edinburgh. Upgrade auf den 9-Sitzer-Mercedes-Sprinter. Inverness – leider viel zu kurz. Pub-Quiz-Abend und Hostel-Atmosphäre in Fort Augustus. Mit dem Speed-Boot Nessi verfolgen. Wo bitte steht der Sessellift, der uns zum Ben Nevis raufbringt? Dann eben zu den Wasserfällen. Loch-Blick und viele leere Flaschen in Argyll. UNFASSBAR schöne Natur. Durch Glencoe – oder das schönste Tal der Welt – mit offenen Wagen-Türen und fliegendem Haar. Ein paar Burgen. Ein klitzekleines bisschen Kultur. Eine historische Eisenbahn. Und immer wieder Trump – diesmal beim G7 Gipfel. Whisky. Haggis, Steak Pie und Pub-Kultur. Einen geschichtlichen und einen filmenden Heini. Sonne und noch mehr Sonne in Edinburgh. Einen denkwürdigen letzten Abend, der, wie die gesamte einwöchige Reise, viel zu kurz war….

Es war so schön mit Euch! Wo fahren wir als nächstes hin?

Wellen

Wir sind wieder am Meer und tun das, was wir immer am Meer machen. Uns in die Wellen schmeißen. Für Friedrich ist es mittlerweile schwer stehen zu bleiben, wenn das Meer sich zurückzieht. Dann kann er seinen Augen nicht mehr trauen und strauchelt und ich versuche neben ihm zu stehen, um ihn festhalten zu können.

Für Ole sind Wellen und das Meer das größte Glück. In Portugal war er kaum zu halten und wollte sich in Odeceixe in immer größere Wellen stürzen. Hier in Almunecar gibt das Mittelmeer alles um ihn bei Laune zu halten. Ich sehe den Beiden zu und wünschte, dass es nie aufhören möge.

Kurz mal nicht nachgedacht …. Zack … glücklich

… im Urlaub in Portugal