Lieb-Friedrich

„Heute bin ich so wie immer. Nur in lieb. So ne Art Lieb-Friedrich.“ Das waren die Worte unseres ältesten Sohnes, als er sich heute an den Frühstückstisch setzte. Ich muss sagen, er hat seinem Namen alle Ehre gemacht. Nicht, dass Friedrich sonst ein unangenehmer Geselle wäre. Mitnichten. Er hat nur eine klitzekleine Schwäche. Er muss immer und alles an Ort und Stelle ausdiskutieren.

Und so diskutieren wir beim Aufstehen, beim Zubettgehen und dazwischen.

Wir diskutieren ob und wie viele (Stunden!) er seine elektronischen Geräte benutzen sollte. Wir diskutieren darüber, ob das Radio beim Frühstück ein- oder ausgeschaltet werden muss (O-Ton: So Mama, jetzt hören wir uns mal an, was in der Welt so passiert. Ist Deutschlandfunk ok für Dich?), wir diskutieren philosophische Fragen (Ist ein Mensch der Böses tut, sich seiner Schuld aber nicht bewusst ist, weil er nie gelernt hat, was richtig ist und was falsch, moralisch schuldfähig?). Wir diskutieren sogar darüber, ob er Hunger hat oder nicht (da ist er sich oft selbst nicht sicher) und wir diskutieren, wie könnte es anders sein, über die schreiende Ungleichbehandlung zwischen ihm und seinem kleinen Bruder…

Versteht mich nicht falsch, es ist toll eine eigene Meinung zu haben und diese zu vertreten. Im Leben ist es aber auch wichtig zu spüren, wann man einfach mal die Klappe halten muss. Und dies geht unserem Sohn leider gänzlich ab.

Die Situation, als seine Fußball-Mannschaft in London fast den Schul-Cup geholt hätte zum Beispiel. Friedrich hatte aus seiner Position des Verteidigers gesehen, dass der Fußball hinter der eigenen Torlinie aufgekommen war und sich lautstark dafür eingesetzt, dass der gegnerischen Mannschaft ein Tor zugesprochen wurde, welches sich später als Siegestor entpuppen sollte. Ehrenhaft? Ja. Trotzdem führte es dazu, dass der Rest der Mannschaft für einige Stunden ziemlich schlecht zu sprechen war auf ihn. Oder die ständige Einmischerei in Streitigkeiten, die so gar nichts mit ihm zu tun haben. „Das ist ungerecht. Das kannst Du so nicht sagen. Ich erzähl Euch jetzt mal, was ich darüber denke.“  Bums, ist er es wieder, der im Kreuzfeuer steht und sich dann nicht mehr zurücknehmen kann. Mit wehenden Fahnen. Mit dem Kopf gegen die Wand. Einerseits bewundere ich ihn. Seit er klein ist, setzt er sich ein. Andererseits muss es viel Kraft kosten.

Ich tue mich oft schwer, was ich ihm raten soll. Neulich z.B. hatte er sich auf dem Schulhof für einen Jungen eingesetzt, der anscheinend von einer Gruppe älterer Jungs gemobbt wurde, mit dem Ergebnis, dass einer der Jungen ihn anblaffte: „Du bist ja selbst behindert.“ Hier wäre es wahrscheinlich schlauer gewesen, sich Mitschüler zu suchen und sich gemeinsam gegen die Fieslinge aufzustellen.

Sich einzusetzen für andere ist super. Wann aber ist der Einsatz eine Grenzüberschreitung und man sollte sich besser heraushalten? Und kann ich als Mutter das einschätzen und ihm meine Meinung überstülpen? Wohl kaum.

Friedrich ist wie er ist. Er hält an Werten fest und vertritt diese. Das ist toll. Ich kann ihm nur immer wieder sagen und zeigen, dass dies nicht der leichteste Weg ist, den er für sich gewählt hat. Oft ist er aber der Richtige.

Für die anderen Male gilt: Auch, wenn wir uns ganz sicher sind, das Richtige zu vertreten und zu tun, wir sind eine Stimme von 7,5 Milliarden. Ein Kopf, ein Herz, eine Meinung, die manchmal gehört werden muss, aber vielleicht nicht immer.

 

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