Sätze wie dieser …

seltene Erkrankungen - Friedreich Ataxie

Es gibt sie einfach, diese Sätze, die einem alles aus dem Gesicht fallen lassen, die lieb gemeint, aber nicht hilfreich sind und die einen an einem schönen, sonnigen Tag, der gut begonnen, gut verlaufen und auch gut zu Ende gegangen wäre, wieder ganz auf Anfang setzen.

Ich hasse diese Sätze. Nicht dass es viele davon gäbe. Im meinem Repertoire gibt es genau zwei Hass-Sätze, die mich wild machen, nicht mehr. Der Rest ist entweder lieb gemeint und auch so rübergekommen oder geht unter zwischen all den Nettigkeiten, die wir jeden Tag erfahren.

Wenn Du auch Vater oder Mutter eines kranken Kindes bist, hast Du vielleicht auch ein paar Sätze, die Du am liebsten nie wieder hören würdest.

Satz eins kam gestern über die wohlmeinenden Lippen einer Nachbarin. Er ging irgendwie so:

„Ich glaube, dass das Schicksal sich immer starke und ganz tolle Eltern heraussucht. Dein Mann und Du Ihr seid die besten und tollsten Eltern, die sich die beiden Jungs in so einer Situation wünschen können.“

Ich hasse diesen Satz aus so vielen Gründen.

Erstens impliziert er einen Beitrag von uns zu unserer Situation. Wir waren wahrscheinlich viel zu gute Eltern. Hätten wir doch bloß nicht jeden Abend unseren Kindern vorgelesen. Wären wir doch nicht so glücklich gewesen und hätten an den Wochenenden lauter Kinder-Sachen unternommen.

Zu glücklich waren wir, da kann das Schicksal schon mal auf dumme Gedanken kommen.

So eine Scheiße!

Wahrscheinlich ist es ein sinnloser Versuch, in allem einen Sinn zu finden. Es gibt aber keinen Sinn in der Verteilung von genetischen Erkrankungen, von Kriegen, Naturkatastrophen und terroristischen Anschlägen. Sie sind absolut sinnlos. Sie werden nicht gerecht verteilt. Vielen fällt schwer dies zu akzeptieren – auch uns.

Außerdem hätte ich mich gefreut, etwas Positives über meine elterlichen Qualitäten vor den Diagnosen zu erfahren. Habe ich auch, aber nicht von besagter Nachbarin.

Dieses „Hochloben“ von uns Eltern in so einer Situation ist doch eh Quatsch: „Wie Ihr das alles macht.“ „Ich bewundere Euch!“ „Ich könnte das nicht.“ Alles schon oft und oft gehört.

Habt Ihr mal über unsere Alternativen nachgedacht? Es gibt das Leben und es gibt den Tod. Wir haben uns für das Leben entschieden, wie fast alle Menschen, die mit Krankheiten leben müssen (ja leben dürfen) und da nahmen wir alles mit, was uns das Leben schöner macht und alle Medikamente und Therapien, die es verlängern. Mehr ist es nicht.

Vielleicht wollen Freunde, Bekannte, Nachbarn, Familienangehörige auch einfach etwas Nettes sagen und wissen nicht was, einfach um einen aufzumuntern.

Ich habe zwei Freundinnen, die beide weiter weg wohnen, und die es trotzdem immer wieder schaffen, mich aufzumuntern – mit einer Song-Empfehlung, einem Gedicht, einem Foto oder irgendeinem Nonsens. Es ist leicht und es gibt keine besonderen Regeln für Eltern wie uns.

Vielleicht sind wir es auch gewohnt, dass sich viele Dinge, die uns Sorgen machen, in Wohlgefallen auflösen. Aber eben nicht alle. Wenn die Sorgen bleiben, sollte es doch erlaubt sein, das Kind beim Namen zu nennen.

Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie betreten einen Raum. Im Raum steht ein Tisch. Auf dem Tisch dampft ein mittelgroßer Scheißhaufen. Was würden Sie sagen:

A Schön, dass es zwar ein mittelgroßer Scheißhaufen, aber kein ganz großer Scheißhaufen ist.

B Ich mach das schnell mal weg

C Scheiße!

A ist unwahrscheinlich, oder? Daher liebe ich die Cafe-Sessions bei unserem Lieblings-Portugiesen mit einer Freundin. Wir sagen, was doof ist. Wir sind zusammen traurig. Wir starren halbleere Latte Macchiato Gläser an. Wir überlegen, was wir tun können. Wir machen weiter. Wir lachen. Wir schmieden Pläne. Zwischendurch darf man sich für Antwort C entscheiden!

Und meine Schwägerin ist im Dauer-B-Modus. Vielen Dank dafür. Ich weiß nicht, was wir ohne Euch täten.

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