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Ärzte und Eltern

Neurologen sind schlaue Menschen, die schlaue Mails schreiben. Da hauen sie -Zack – einfach Sätze rein wie: „Aus laufenden Studien gibt es keine präliminären Ergebnisse, wenn sie nach gutem Standard doppel-verblindet sind.“

Medizinisch ungebildete Eltern sind dann erstmal traurig, denn irgendwo in dieser Mail versteckt sich die Antwort auf die Frage einer besorgten Mutter, ob nicht die eine oder andere laufende Studie, eine Therapie für die eigenen Kinder rechtfertigen könnte.

Hätte der schlaue Neurologe vielleicht gleich von vorläufigen, anstelle von präliminären Ergebnissen gesprochen und für den medizinischen Laien erklärt, dass doppel-verblindet bedeutet, dass weder der Versuchsleiter noch die Studienteilnehmer wissen, wer zur Placebo und wer zur Medikamentengruppe gehört, hätte die mittelschlaue Mutter sich vielleicht ein bisschen besser gefühlt und nicht die Mail mit einem Stoßseufzer gleich wieder geschlossen.

Und überhaupt, was bedeutet der Satz: „Ich kann ihre Sorge und den Antrieb, möglichst alle möglichen Therapieansätze zu versuchen, verstehen…“.

Es ist ja nicht so, dass ich im Minutentakt neue tolle Medikamentenstudien aus dem Ärmel zaubere. In den letzten 2,5 Jahren habe ich vielleicht 4 Studien ans UKE in Hamburg weitergeleitet. Eine davon fand unsere Neurologin so erfolgsversprechend, dass die Jungs das Präparat mittlerweile nehmen, eine andere Therapie wird gerade in einer Studie in Philadelphia getestet und zu einem dritten Wirkstoff läuft im Moment eine große international angelegte Studie und ein Studienteilnehmer berichtete in seinem Blog, dass das Präparat als White-Label-Medikament (Wer das nicht versteht, fragt bitte einen Neurologen) verschrieben werden darf.

Unsere Neurologen im Hamburger UKE sind bestimmt gute Ärzte. Sie dürfen ihre Patienten nicht zu Versuchskaninchen machen und müssen immer Risiken versus einem möglichen Nutzen abwägen. Vielleicht müssen sie sogar die Kinder beschützen vor ihren Eltern, die so müde und traurig darüber sind, dass der Kontroll-Termin alle 6 Monate nur dazu dient, festzuhalten, was alles weniger geworden ist und somit seinem Namen alle Ehre macht.

Selbst ein halber Tag im Altonaer Ganglabor führt zu keinen Verbesserungen. „Gegen die Holfußbildung können wir nichts unternehmen.“ UND „Sie machen einfach schon sehr viel richtig und jetzt verstehen sie wenigstens woher die Probleme kommen.“

Es gibt nur ein Problem. Wir können nicht nichts tun!

Was uns Eltern von allen Therapeuten und Ärzten und Neurologen und Gangspezialisten unterscheidet, ist unser Unvermögen nichts zu tun. Es geht einfach nicht! Und wenn nur 5% unserer Liebe, unseres Kampfgeistes und Aktionismus bei einem Therapeuten oder Mediziner ankommen und etwas Neues anstoßen, dann war es alle Mühe wert.

Freunde fürs Leben

Danke, dass Du so bist wie Du bist, Großer. Du bist ein so tolles Vorbild für Deine Eltern und Deinen Bruder. Deinen Papa hast Du mit Deiner Geburtstagskarte zu Tränen gerührt….

Kein Beruhigungs-Blogbeitrag ;-)

Ihr Tollen, Lieben da draußen, die meinen letzten Blogbeitrag gelesen und versucht haben mich aufzumuntern, mit tollen Briefen, Mails, Anrufen, Postkarten oder einem Besuch. Ihr seid großartig und ich danke Euch sehr.

Macht Euch aber wirklich nicht so viele Sorgen um uns. Das hilft niemandem und wahrscheinlich sind wir gerade gar nicht mehr traurig, denn meistens erwischt es uns nur kurz und dann geht es schon irgendwie wieder.

Wie das Glück ist auch unsere Trauer vergänglich.

Zwischen dem 21. Oktober und jetzt liegen drei TAK Partien, ein Besuch bei Freunden in Köthel, einer kleinen Gemeinde an der Bille, eine Frankenstein Übertragung des Englisch Theaters im SAVOY, eine beste Physik-Note der Klasse für Friedrich, ein Paar Tränen von Tom, Friedrich und mir, zwei total skurrile Träume (dazu später mehr), ein Kontroll-Besuch der Jungs im UKE, eine brillanten Idee für ein Video über FA, eine Urlaubs-Diashow bei Freunden mit köstlichen Waffeln, jede Menge neuer Playmobil-Römer, ein ausufernder und sehr kurzweiliger Römer-Chat zwischen den besten Freunden und den besten Kindern der Welt und ein total überfälliges Wiedersehen mit Freunden nach langer Zeit und die Erkenntnis, dass kräftiger Appenzeller in Pfannekuchen verbacken und eingerollt angerichtet mit einer roten Paprika in der Mitte meine neue Leib- und Magenspeise ist, der Geruch aber lange, lange nachhallt…(sehr lange! Ingo)

Man könnte denken, dass manche Dinge so groß und furchtbar sind, dass für Freude oder Glück kein Platz mehr ist. Das stimmt aber nicht. Nicht für uns und für viele Menschen mit Behinderung oder seltener Erkrankung stimmt es auch nicht.

Eine Freundin hat ein Gedicht darüber geschrieben, wie ausweglos es ist ihrem Umfeld zu erklären, wie glücklich sie mit ihrer behinderten Tochter ist. Menschen ohne Berührungspunkte mit Behinderung können es sich nicht vorstellen. Auch ich erlebe das oft. „Ja, Ihr seid eben mit weniger zufrieden.“, oder „Ihr erlebt Glück eben anders.“ …Ich gebe dann immer irgendwann auf und sage nichts mehr.

Wenn ich ehrlich bin, nervt es aber schon ein bisschen und so ganz verstehe ich auch nicht, warum es für die anderen so wichtig ist, dass unser Leben nicht wirklich schön sein kann. Es sollte doch Hoffnung geben, dass Glück auch für Menschen möglich ist, bei denen nicht alles perfekt ist.

Im Buch Homo Deus – A brief history of tomorrow hat Yuval Noah Harari sehr treffend von der gläsernen Decke des Glücks geschrieben. Er beschreibt dass sich zwar unsere Lebensumstände in den letzten 100 Jahren ständig verbessert haben, unsere Erwartungen aber immer in gleichem Maße gestiegen sind. Die subjektiv empfundene Zufriedenheit ist daher nicht gestiegen. Und ganz vielleicht haben wir es geschafft unsere Erwartungen an das Leben mit einer Krankheit wie FA anzupassen. Weil wir keine andere Wahl haben. Und damit wir glücklich sein können.

Der Scheißmöglichste Tag

Das Konfetti rieselt immer noch auf unsere Köpfe und wir schwelgen in Erinnerungen an unsere unvergessliche Partynacht, sowie in 30 nicht gegessenen Chipstüten, die wir uns Abend für Abend vornehmen, als das Schicksal mal wieder findet, dass wir zu glücklich sind.

Eine Routineuntersuchung des Rückens von Ole und Friedrich in der letzten Woche. Leider ist nicht alles ok. Bei Ole schon. Aber Friedrich hat innerhalb von 12 Monaten eine Skoliose von 34 Grad entwickelt. Das Röntgenbild sieht so schlimm aus, dass ich im Schwall kotzen möchte.

Seit zweieinhalb Jahren trauere ich und frage mich, wann die Wut kommt. Hier ist sie. Ich möchte etwas zerschlagen. Ich möchte jemand schubsen. Ich möchte um mich treten. Ich möchte jemand anschreien. Mein Mann fragt mich das erste Mal, ob ich nicht eine Therapie machen möchte. Ich kann wieder auf Kommando und in Sekundenschnelle losweinen. Ich darf nicht mit Menschen telefonieren, die mir nahestehen, dann geht es gleich wieder los. Mein Kloss im Hals ist wieder da.

Diese scheißverdammte, verfickte Kackkrankheit, die anscheinend so viele Pläne gemacht hat mit unseren Kindern. Die nichts auslässt. Die sich kreuz und quer durch deren Körper frisst. Die sich nicht zufrieden gibt, mit Grob- und Feinmotorik, der Stimme, den Augen, die das Laufen und Gehen immer schwieriger werden lässt. Friedrich klagte das erste Mal vor wenigen Monaten über Rückenschmerzen. Jetzt wissen wir, wo sie herkommen.

Wir wissen nicht wie es weitergehen wird.

Wird das Korsett helfen? Finden wir neue Physio-Übungen, die es besser machen? Kann sein Kieser Training helfen, oder hat es alles nur noch schlimmer gemacht? Wird er in einigen Jahren eine OP brauchen? Wird er Schmerzen haben?

Ich möchte so gerne, dass es aufhört und dass es eine Therapie für Friedreich Ataxie gibt.

Wir brauchen so sehr eine gute Nachricht.

Wanderung von Gießen nach Marburg

Am Samstag, den 01. September 2018, gingen wieder fast 30 Wanderer an den Start, um bis an ihre Grenzen zu gehen und Gelder für Friedreich Ataxie und andere neurodegenerative Erkrankungen zu sammeln.

Wie unser jüngster Teilnehmer mit 12 Jahren die Strecke von 43 Kilometern schaffen konnte, wird mir für immer ein Rätsel bleiben. Über meine Schwiegermama, die mit ihren 74 Jahren schon zum zweiten Mal dabei war, wundere ich mich schon gar nicht mehr…

Zusammenfassend war es ein wunderschöner Tag mit viel Sonne, einer toll ausgearbeiteten Strecke, Catering vom Feinsten (Es gab sogar Camembert. Sorry ein Insider) und ganz tollen Menschen.

Wenn jemand Lust hat in seiner Region etwas ähnliches auf die Beine zu stellen, wie wir in Hamburg und Gießen, freuen wir uns und sind gerne dabei. Schaut doch mal bei HOPE BASE vorbei und lasst Euch von ähnlichen Aktionen inspirieren …

HOPE BASE AKTIONSPLATTFORM

 

Wollt Ihr?

seltene Erkrankungen - Friedreich Ataxie

Wollt Ihr das TOTALE Computerverbot?

JAAAAA! Wir wollen!

Immer wenn wir richtig sauer sind, werden wir Eltern so kurzsichtig wie maßlos.

Letzte Woche haben wir wieder ein Computerverbot bis Weihnachten ausgesprochen. Da schütteln sogar, die Freunde verständnislos die Köpfe, die sonst beim Computerspielen um einiges strenger sind als wir.

Sollten wir MAL WIEDER übers Ziel hinaus geschossen sein? Wir sind.

Nur, wie kommen wir da jetzt wieder raus ohne unsere Autorität zu untergraben und als totale Torfköpfe dazustehen.

Gar nicht.

Ok, wir haben es nicht anders verdient …

Der Junge, der Fieber machen kann…

… und unter der Decke verborgen bleiben möchte

Ole, heute lagst Du den ganzen Tag krank und fiebernd in Deinem Bett und hast Dich vor der Klassenfahrt gefürchtet, die morgen beginnt. Ich kann Dich so gut verstehen. Wer fragt schon nach einer Woche Müden an der Örtze mit Kindern, zu denen man auch nach einem Jahr keinen Zugang findet und mit denen man wenig gemeinsam hat.

Die Jungs in Deiner Klasse spielen Fußball oder zocken, die Mädchen drehen Musically-Videos oder gehen in die Stadt und Du liest Bücher über römische Militärhistorie und fürchtest Dich vor Spinnen.

Es ist schwer Freunde zu finden, wenn man anders ist als die anderen und dazu noch das unsportlichste Kind weit und breit. Wir wissen, warum Du anders bist. Die anderen wissen es noch nicht. Sie wissen nicht, warum du stolperst und dich manchmal an ihnen festhalten musst und Deine Schrift so krakelig ist, dass man sie kaum lesen kann.

Du möchtest nicht über Friedreich Ataxie sprechen. Genau wie Dein Bruder möchtest Du möglichst lange unter dem Radar der Normalität verborgen bleiben. Bloß keine Sonderrolle. Der ungewollte Stolperer wird zur kleinen Slapstick-Einlage. Die anderen Kinder sind sowieso blöde, da macht es nichts, wenn sie im Stuhlkreis aufstehen und sich umsetzen, sobald Du Dich neben sie setzt.

Das mit dem Krankwerden, wenn nichts mehr ging, hattest Du schon immer drauf. Drei aufeinander folgende Skiurlaube hast Du so versucht uns möglichst schonend beizubringen, dass Du leider nicht lernen wirst Ski zu fahren. Drei Mal, bis wir Dich endlich verstanden haben und akzeptieren konnten.

Erster Tag auf der Piste. Anruf der Skischule kurz vor 11 Uhr mit der Nachricht, dass Du abgeholt werden möchtest. Wir verbringen den Mittag spielend im Schnee. Am Nachmittag bleibe ich dabei und sehe zu, wie der eifrige Skilehrer mit lustiger roter Zipfelmütze Dich wieder und wieder auf den Zauberteppich stellt. Oben angekommen zieht ein zweiter Dich vom Band und stellt Dich in Positur mit Blickrichtung Tal. Mit einem kleinen Schubs geht es bergab. Kurven- und kraftlos schiebt sich die Pizza ins Tal, landet unten in der Bande oder im Schnee und bleibt einfach liegen. Nach einer Stunde nehme ich Dich mit nach Hause und wundere mich. Am nächsten Tag 39 Grad Fieber. Dieses Level hältst Du dann so lange bis wir aufgeben. Aber nur für dieses Jahr. Friedrich macht es doch Spaß. Und uns erst…

Grade haben Deine Eltern Krisenrat gehalten und beschlossen, Dich zu Hause zu lassen. 38,4 Grad Abwehr können auch wir nicht ignorieren. Natürlich wäre es schön, wenn Du das alles schaffen würdest. Wenn Du gemeinsam mit der Klasse eine gute Zeit hättest. Dein Körper möchte das aber nicht im Moment. Er möchte zu Hause bleiben und sich erholen.

Vielleicht ist es gut, dass Dein Körper Fieber machen kann. Deine Argumente wären wahrscheinlich nicht zu uns durchgedrungen. Deswegen hast Du wahrscheinlich gar nicht erst versucht mit uns zu reden. „Versuch es doch wenigstens. Wir können Dich auch jederzeit abholen“ hätten wir gesagt. Und: „Wir können Dich doch nicht einfach so zu Hause lassen.

Ole, Du machst viel zu viel mit Dir alleine aus. Wir sind nicht unschuldig daran. In den letzten Jahren haben wir uns viele Gedanken um Deinen Bruder gemacht und Dir zu verstehen gegeben, wie gut es ist, dass Du funktionierst. Es tut mir leid, dass wir nur auf Fieber hören.

Lass uns versuchen besser zu kommunizieren. Hoffentlich hilft Dir Deine neue Therapeutin dabei. Vielleicht hilft Sie Dir mehr über Dich und Deine Ängste zu sprechen. Mit ihr und hoffentlich auch mit uns. Und hoffentlich tritt sie uns Eltern tüchtig in den Arsch, damit wir bessere Zuhörer werden.

Wenn man nicht so genau hinsieht…

Ich schreibe wieder. An unseren Vermieter, um bauliche Veränderungen in unserer Wohnung und im Treppenhaus anzufragen, um Informationen zu Therapiehunden einzufordern, an die Stadt um nachzufragen, wie und warum ein Merkzeichen gehbehindert abgelehnt werden kann, obwohl man – zumindest zeitweise – im Rollstuhl sitzt und an Therapie-Praxen, damit auch unser jüngster Sohn eine angemessene Unterstützung erhält, um seine Krankheit zu bewältigen.

Wenn mir jemand vor zwei Jahren erzählt hätte, dass ein großer Teil der Unterstützung von behinderten Angehörigen das Ausfüllen von Anträgen und Ausformulieren von Briefen ist, ich hätte es nicht geglaubt. Alles ist gut, wenn man nicht so genau hinsieht. Wenn man hinsieht und Hilfe braucht funktioniert wenig, zumindest ist das so in Hamburg.

Ich habe gehört, dass es in anderen Bundesländern sozialpädagogische Stellen gibt, die Familien bei der Antragsstellung unterstützen oder diesen Job übernehmen. Das ist auch dringend notwendig, denn Familien wie wir regeln tägliche Therapietermine, müssen sich mit Schule und Lehren abstimmen, Arzttermine koordinieren, Rezepte abholen und Medikamente bestellen und wollen gerne – genau wie alle Eltern – etwas Zeit mit ihren Kindern verbringen.

Wenn ich mich auf all die Versäumnisse der Stadt Hamburg konzentrieren würde, wäre ich wahrscheinlich dauerhaft sehr schlecht gelaunt. Tue ich aber nicht.

Ich konzentriere mich auf die Dinge, die uns Kraft geben, z.B. die tollen Lehrer, die die Jungs unterstützen und die dafür sorgen, dass es für die beiden schulisch weitergeht. Friedrichs Gymnasium hat über mehrere Wochen den Stoff Stunde um Stunde, Tag um Tag gesammelt und uns zugeschickt, damit er zuhause mit- und nachlernen kann. Die Schulleitung möchte privat einen Elternverein mitgründen, der sich um Inklusion am Gymnasium kümmern soll.

Oles Lehrer an der Stadtteilschule sind mit uns im regen Austausch und stellen sicher, dass auch er weiterlernen kann.

Man könnte sagen, dass all diese Menschen nur ihre Arbeit tun. Es ist aber mehr als das. Sie wollen ihre Arbeit gut machen und niemanden zurücklassen. In unserer Situation sind wir auf solche Menschen angewiesen, sonst kann es nicht funktionieren.

Ich konzentriere mich auch auf unsere Familie und Freunde, die uns und die Jungs einfach so nehmen wie wir sind. Mit allen Schwierigkeiten, Ecken und Kanten.

Und ich konzentriere mich auf gemeinsame Erlebnisse, auf Open Air Kinos, draußen grillen, im Garten liegen und Wein trinken, Ausgehen, Konzerte, Tanzen….

Und wenn ich bisher auch immer dachte „Glück kann man nicht kaufen“, es geht doch…. Bei den RIB Piraten auf der Elbe. Wenn ich möchte kann ich immer noch (eine Woche später) fühlen, wie die sehr warme Luft mir fast den Atem nimmt und wie das Bug des Speed-Boots immer wieder auf die Elbe schlägt.

Freitag, der 4. Mai oder Doppelgeburtstage

Mein Gehirn ist ein anstrengender Ort. Manchmal bin ich dort. Manchmal mäandere ich fort. Das ist ein gutes Gefühl. So völlig führerlos (sorry!) unterwegs zu sein. Ich bin stolz auf diese Tugend. Manchmal frage ich mich, wer meinen Körper morgens ins Büro gefahren hat.

An manchen Tagen habe ich Schwierigkeiten wieder die Kontrolle zu übernehmen. Heute war so ein Tag. Es gab eine Oberleitungsstörung am Jungfernstieg an der U4. Ich wartete. Habe die Künstlerin Mine gerade für mich entdeckt. 10 Minuten. 20 Minuten. 30 Minuten bis ich mir eingestehen musste, dass die Oberleitung nachhaltig gestört war an diesem Tag. Ich musste aktiv werden. Ich lief zur Arbeit.

Gestern war auch so ein Tag. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mir Sorgen machen muss. Ich kaufte weiße Turnschuhe (wieder sorry, es gibt mal wieder eine weiße Turnschuh-Phase in meinem Leben, der ich mich JETZT stellen muss) und Bluetooth Kopfhörer für meinen Sohn. Erst in der U-Bahn nach Hause bemerke ich, dass ich mich im Regal vergriffen und die Bluetooth-Kopfhörer ohne Bluetooth gekauft und zu allem Überfluss die Quittung nicht eingesteckt hatte. Und zu Hause, dass die Schuhe eine Nummer zu klein sind.

Mein Vorgestern war ebenfalls von Hirnabstinenz geprägt. Den ganzen Morgen konnte mein Kopf erfolgreich ausblenden, dass meine Profi-Card in einer anderen Jacke steckte und ich somit schwarz zur Arbeit fuhr. Erst am Nachmittag im Metronom nach Harburg fiel es mir auf als ein Schaffner vor mir auftauchte und nach meiner Fahrkarte fragte.

Warum mein Gehirn sich manchmal verabschiedet. Keine Ahnung. Vielleicht vollführen Außerirdische komplexe Rechenleistungen auf meiner Festplatte, wenn ich nicht da bin. Vielleicht ist es auch manchmal verdammt geil, an nichts zu denken. Das schaffe ich sonst nur bei völlig überzogenem Netflix-Konsum.

Vielleicht passiert auch wirklich ein bisschen zu viel gerade in unserem Leben. Am Mittwoch – in Harburg – haben wir einen Rollstuhl für Friedrich ausgesucht. Und heute –  am Freitag –  seinen 13. Geburtstag gefeiert. Ich sehe den Titanic-Titel schon bildlich vor mir. Ja, genau den mit der Zonen-Gabi im Glück und ihrer ersten Banane. Nur dass die Zonen-Gabi Friedrich heißt und Bananen nicht mag. Ihr seht es jetzt auch, oder? Aber ich möchte nicht bitter und nicht zynisch sein. Und auch nicht verschweigen, dass es Spaß gemacht hat, unser Besuch im Sanitätshaus.

Wir durften alle vier Rolli fahren. Die Jungs sind echte Naturtalente. Ich nicht. Die Drehung hatte wieder etwas mit Intelligenz und räumlichem Vorstellungsvermögen zu tun. Aber sonst. Ne feine Sache. Und auch viel unbedrückender als erwartet. Dafür hat man dort geschultes Personal, die es so leicht und spaßig aussehen lassen, als würde man sich eine schicke Vespa oder ein neues Fahrrad aussuchen.

Außerdem gibt es wirklich geile Rollstühle. Richtige Rollstuhl Ferraris, die jedem Technik-Freak das Herz höher schlagen lassen würden.

Theoretisch. In einer anderen Welt.

Hätte die Evolution uns irgendwann in unserer Geschichte einen kleinen Streich gespielt und wir säßen alle ab Mitte 20 in einem Rollstuhl, wären anstelle von Autos oder Handys vermutlich Rollis Prestigeobjekte und würden unser Ansehen in der Gesellschaft definieren. Dann würden wir uns Sätze zuraunen, wie: „Hast Du gesehen, der hat schon wieder nen neuen Rolli! Das ist doch jetzt schon Rolli Nummer 4, den er in der Garage hat!“

Aber Schluss jetzt damit. Ich muss schlafen gehen. Morgen ist wieder ein Geburtstag. Meiner. Doppelgeburtstage feiere ich jetzt seit 13 Jahren. Es wird nicht leichter mit der Zeit, sage ich Euch.

Hamburg-inklusiv II

Hallo Hamburg,

wir sind noch nicht ganz fertig mit Dir. Oder Du nicht mit uns, wie es scheint.

Ich hätte da mal wieder eine Frage.

Warum muss der Senator für Schule und Berufsbildung monatelang überlegen, ob in einem Gymnasium ein Aufzug bewilligt werden kann, der Friedrich und seinem Klassenkammeraden ermöglicht, an Aufführungen in der Aula teilzunehmen oder am Fachunterricht für Chemie und Physik? Ist das schon zu viel Inklusion für Dich?

Uns wurde bereits nahegelegt, unser Kind an einer Stadtteilschule anzumelden, wo es einen besseren Personalschlüssel und eine bessere Ausstattung gäbe. Wir möchten aber keinen Schulwechsel in unserer jetzigen Situation. Friedrich muss sich schon an ein neues Leben mit Behinderung gewöhnen. In dieser Situation ist es wichtig, dass irgendetwas Bestand hat, wie die Mitschüler, die Freunde, die Lehrer und die Schule, in die er geht.

Außerdem gibt es etwas, das diese Schule mitbringt, das nicht mit Personalschlüsseln oder Geldern zu messen ist.

Lieber Senator, dies hier ist das Gymnasium, zu dem Eltern ihre Kinder mit Inklusionshintergrund schicken. Es ist das Gymnasium mit einer Direktorin, die Inklusionseltern zusammenbringt, unendlich viel Geduld und Verständnis mitbringt und oft genauso ratlos und schockiert ist wie wir Eltern, dass unser Schulsystem, dessen Vertreterin sie ist, uns so wenig unterstützt. Dort arbeiten Menschen, deren Handeln durch Empathie und Humanität getrieben wird und die verstehen, dass sich Probleme nicht einfach wegdirigieren und aussitzen lassen.

Wenn Sie wüßten, wie viel funktioniert, allein dadurch, dass Lehrer offen sind und nach alternativen Lösungen für ihre Schüler suchen, Behinderung hin oder her.

Aber eben nicht alles, denn Empathie beamt keine Rollstühle in den zweiten Stock. Inklusion kostet Geld, das Du anscheinend nicht hast, oder für uns nicht ausgeben möchtest.

Liebe Stadt Hamburg, Du scheiterst an unserer Realität!