Schweine und die Zeit

Friedreich Ataxie

Jeder von uns reagiert anders, wenn zu viel um ihn herum passiert. Der eine oder andere mag anfangen an den Fingernägeln zu knuspern, sich die Haare zu raufen, sinnlos zu quasseln oder jedem zu erzählen, wie busy er momentan ist. Ich habe eine lustige Eigenschaft, die ich in den letzten Jahren sehr zu schätzen gelernt habe. Ich werde SEEEHHHHR RUUUUHIG.

Ich weiß noch, dass Kollegen und Kunden bei Präsentationen sich oft wunderten, wenn ich in Seelenruhe meinen Laptop auspackte und ganz relaxt und scheinbar mühelos in den Präsentiermodus wechselte. Und gerade erlebe ich eine Phase, in der ich zwei Dinge, die mir sehr am Herzen liegen, zu Ende bringen und mich gleichzeitig um neue Positionen bewerben muss. Bist Du nicht total nervös vor den Gesprächen, fragen mich meine Freunde. Bin ich nicht. Ich fühle mich eher, wie ein Schwein auf der Schlachtbank, dass davon ausgeht, dass das Messer heute stumpf oder der Metzger gut gelaunt ist. Irgendwie wird es schon gut gehen, denke ich.

Diese Ruhe würde ich so gerne spüren, wenn es um die Zukunft meiner Kinder geht. Eine Bier-Recherche hatte mich in der letzten Woche in eine Hamburger-Eck-Kneipe verschlagen und da versackte ich dann mit einem Werber und wir sprachen sehr lange über die Zukunft unserer Kinder. Er hat eine tolle Einstellung zum Thema Kindererziehung. „Ich habe ihnen immer meine Meinung gesagt, ihnen aber nie etwas verboten.“ meinte er und es klingt schlüssig für mich.

Ich habe auch immer Zeit gebraucht, um auf die Dinge zu kommen, die wichtig waren in meinem Leben. Zum Beispiel: „Wenn man immer ein bisschen was tut in der Schule kann man sich viel Ärger vom Hals halten.“ Gepredigt haben dies meine Eltern schon seit der neunten Klasse. Gelernt und umgesetzt habe ich es in der Elften. Der Nachhilfeunterricht, den meine Eltern in den 2-3 dazwischenliegenden Jahren in mich investiert haben, war für die Katz. Mama und Papa, ich habe mit meiner Latein-Nachhilfelehrerin zwei Jahre lang die bereits übersetzten Texte der letzten Lateinstunde wiederholt, weil es mir unendlich peinlich war, wie wenig ich wusste. Meine Nachhilfe hielt mich für nicht Stress-resistent in Prüfungen und hatte großes Mitleid mit mir.

Und vor den Mathearbeiten konnte ich vor lauter Angst keine einzige Aufgabe rechnen. Der Abgrund von Unwissenheit in den ich hätte blicken müssen, war zu tief für mein präpubertäres Nervenkostüm.

Jetzt beobachte ich Friedrich, wie er mit seiner Diagnose kämpft und möchte ihm so gerne dabei helfen, mit ihm Übungen machen oder seine Einstellung zu seiner Erkrankung beeinflussen.

Jetzt merke ich, dass er mit seiner Art des konsequenten Nicht-Lernens für Arbeiten nicht weiterkommt und bin versucht den Nachhilfelehrer her zu zitieren. Doch bringt das etwas, wenn man nicht bereit ist, sich zwischen zwei Nachhilfestunden einmal die Vokabeln anzuschauen?

Friedrich, genau wie Ole, werden lernen müssen, dass sie die vielen Tabletten für sich schlucken und das es ihnen besser geht, wenn sie dazu ein Brot essen und etwas trinken. Sie werden lernen, dass die vielen Übungen und Therapien ihnen helfen. Sie werden die Erfahrung machen, dass man in Freundschaften investieren und manchmal zuerst einen Schritt auf den anderen zutun muss, bis etwas zurückkommt.

So habe ich Friedrich am Wochenende erzählt, dass ich gerne 15€/Stunde in eine Nachhilfe für Französisch investieren würde, jedoch nicht glaube, dass es etwas bringt, wenn man nicht mitlernt. Er hat zumindest zugehört. Wann er es mir glaubt, wird er entscheiden.

 

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