Und immer wieder die Zeit

Die Zeit ist eine merkwürdige Dimension. Sie bestimmt über Glück oder Unglück unserer Existenz. Könnten wir sie vor- und rückwärts laufen lassen, gäbe es keine Ängste mehr, nur die schönen Momente, die wir immer und immer wieder erleben könnten.

Wenn ich könnte, würde ich immer und immer wieder zu unserer London Zeit zurückkehren, in die Durlston Road 101. Von unserem Schlafzimmer im zweiten Stock hatten wir einen weiten Blick über die langgestreckten, parzellenförmigen umliegenden Gärten, wir hatten ein Bad, das fast nur aus Dusche bestand und ein Wohnzimmer, dass wir nie benutzten, weil wir uns immer zu viert in der Küche aufhielten, wo die Kinder fernsahen, Wii spielten und die Erwachsenen kochten oder lasen.

Die Kinder liebten JEDE Fahrt mit dem Doppeldecker-Bus 371. Von oben gab es eine Stelle von der man dem Fahrer von oben auf den Kopf gucken konnte. Wenn man klopfte sah er manchmal hoch und wurde einmal sogar richtig sauer. Und es gab immer dieselben Bäume, die nicht gestutzt waren und die gegen die Frontscheibe knallten und es verlor nie an Reiz sich oben aus den Kurven tragen und vom Sitz purzeln zu lassen.

Würde ich unser heutiges Leben gegen eine schöne und sichere Endlosschleife unseres alten Lebens eintauschen? Würde es langweilig werden mit der Zeit, weil man alles kennt? Würde ich irgendwann weiterspulen – nur so aus Neugierde, um zu sehen was noch alles kommt?

Spielt es eine Rolle ob man zuerst glücklich und dann unglücklich ist oder umgekehrt? Ist es leichter, wenn man unschön anfängt und es dann immer schöner wird? Liegt das Beste schon hinter uns? Und wie glücklich dürfen wir noch sein?

Und wenn die Jungs heute einen richtig schönen Tag hatten, wie viel Unglück wiegt dieser auf? Denn die beiden hatten einen RICHTIG SCHÖNEN TAG heute. Einen wunderschönen ersten Ferientag. Und Ole wird richtig schöne Tage haben in den nächsten Tagen. Morgen fährt er nach Trier mit Ingo, um die Porta Nigra zu sehen und wieder eine römische Sehenswürdigkeit mehr zu sammeln. Und dann wird er eine Woche bei den Großeltern in einem kleinen Nest in der hessischen Provinz verbringen und dort viele Melonenstücke in der Hängematte essen.

Und Friedrich wird seine letzten vier Wochen in Geesthacht verarbeiten. Eine Zeit, in der er viele andere kranke Kinder gesehen und Manche kennengelernt hat. Eine Zeit, in der er viel gelernt hat. In der er das erste Mal wieder gemalt oder etwas gebastelt hat. In der er Tischtennis gespielt hat. Eine intensive Zeit, die er mit seinem Opa verbracht hat, in der er zeitweise rebelliert und fast nichts gegessen, aber in der er jeden Tag mit einer stoischen Ruhe sein Therapieprogramm absolviert hat.

Eine Zeit in der sein Opa und er zusammengewachsen sind. Gestern rief mein Vater an und fragte, ob Friedrich in den letzten Tagen der Kur gut gegessen habe und ich merke, wie sehr er Anteil genommen hat am Leben seines Enkels.

Am Ende zählt doch nur das Eine: Gemeinsam gelebte und verbrachte Zeit.

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