Urkunden

Ich habe schon immer ganz viel unternommen, dauernd geplant und jeden Tag etwas Neues angefangen. Meine Eltern habe ich damit fast in den Wahnsinn getrieben. Seit es Ingo gibt, bin ich ruhiger geworden. Trotzdem ist die Liste mit Dingen, die ich tun muss, immer zu lang. Ich habe physische Listen, in denen ich Punkte durchstreichen kann. Das gibt mir ein kurzes Glücksgefühl. Ich sehe, dass es voran geht. Und bevor ich mich richtig darüber freuen kann stehen schon wieder drei neue Dinge darauf.

In diesem Jahr war es die Planung einer neuen Küche, einer Taufe und einer Konfirmation, die Beantragung von Pflegegraden und Schwerbehindertenausweisen, von Merkzeichen, einer Kur und einem Rollstuhl und daneben der ganz normale Wahnsinn der menschlichen Existenz, der aus Versicherungen besteht und aus Elterngesprächen, aus Urlaubsplanungen und Therapieterminen, aus Lohnsteuerjahresausgleichen, aus Spendenwanderungen und Geburtstagen und Arbeit, aus neuen Studienberichten, die wieder Hoffnung geben und Telefonaten mit Ärzten im UKE, die wieder Hoffnung zerstören, weil alles doch wieder länger dauert oder das Risiko einfach zu hoch ist.

Da ich nie fertig bin mit allem und immer etwas auf meiner Liste steht, bin ich frustriert.

Dabei haben wir sehr viel geschafft in diesem Jahr. Und sollten viel öfter feiern, wenn etwas erfolgreich abgeschlossen wurde. Wie die neue Küche. Und die bewilligten Pflegegrade. Und neue Merkzeichen in Schwerbehindertenausweisen. Und Friedrichs Taufe.

Und auch lernen bei den Jungs nicht immer nur auf das zu schauen, was gerade mal wieder nicht geklappt hat. Bei Friedrich zum Beispiel, der dieses Jahr sehr oft nicht das geschafft hat, was wir ihm vorgenommen haben.

Die Schule regelmäßig besuchen, zum Kieser Training und zu Physiotherapieterminen gehen, gut essen, gut trinken, seine Medikamente regelmäßig nehmen. Und wieder blieb etwas auf der Strecke und wieder waren wir enttäuscht.

Dafür habe ich ihm heute eine Urkunde gebastelt für all die Dinge, die in den letzten Monaten geklappt haben.

Der Konfirmanden-Unterricht, die guten Noten in Chemie und Physik und die Kur in Geesthacht und all die schönen Tage mit ihm, bei denen er glücklich war und wir zusammen mit Freunden unterwegs waren und ich ihn lachen gehört habe.

Und auch Ole hat seine Urkunde bekommen.
Und er hat sich so gefreut.
Über ein Stück Papier.

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