Weiterlernen

Normalerweise verstecke ich meine Emotionen im Alltag. Geht doch niemand etwas an, wenn ich traurig bin oder etwas nicht funktioniert. Anders aber, wenn es um die Jungs geht. Zu lange haben wir uns jetzt vorgemacht, dass in der Schule beim Großen alles so weiterlaufen könnte wie bisher.

Friedrich möchte keine Sonderstellung in der Schule und so sagt er nichts, wenn er mal wieder nicht geschafft hat in der vorgegebenen Zeit die Vokabeln von der Tafel abzuschreiben oder den Aufsatz nicht fertigbekommt. Daher sammeln sich jetzt die unerledigten Aufgaben und Übungen in seinen Büchern und Heften und Klausurtermine nahen zu denen er den benötigten Stoff nicht zusammen hat. Davon bekommt er Bauchschmerzen und möchte nun nicht mehr in die Schule gehen. Ich verstehe ihn und kann ihm das nicht durchgehen lassen. Ich bohre nach. Wir gehen zusammen zur Schule und weil er es vor Traurigkeit nicht in seine Klasse schafft, schneien wir bei der Direktorin rein.

Sie ist nett. Wirklich nett. Aber sie weiß nicht, wie es ist Friedreich Ataxie zu haben. Sie weiß nicht, wie es sich anfühlt ein Zwölfjähriger zu sein, der an der Schwelle zur Pubertät steht und einfach nur so sein möchte wie alle anderen und es nicht mehr schafft, dem Stifte aus der Hand fallen und der über seine eigenen Füße stolpert anstatt coole Dance Moves für musical.ly Videos zu üben.

Ich erkläre es ihr. Ich bin laut, bestimmt und ich weine. Mein Sohn sitzt neben mir, grinst verlegen, nimmt mich in den Arm, weint auch noch ein bisschen.

Wir erklären ihr gemeinsam, dass es nicht reicht, dass die Lehrer nur Bereitschaft signalisieren wie bisher. Ein „Komm doch zu mir, wenn Du etwas brauchst“ ist zu wenig in Friedrichs Situation. Er braucht mehr. Er braucht einen konkreten Schlachtplan für jedes Fach. Im Kunstunterricht ist er nicht so schnell wie die anderen Kinder. Was könnte er stattdessen malen oder gibt es ein anderes Kunstprojekt für ihn? In Deutsch kommt er mit dem Abschreiben nicht hinterher. Wer kopiert am Anfang der Stunde die Texte für ihn, damit er auf der sicheren Seite ist?

Friedrichs Schule wartet seit einem Jahr auf eine Person, die ihn unterstützen kann und vergisst dabei, dass mit etwas mitdenken und sich in ihn hineinversetzen schon viel getan wäre.

Am Ende unseres Besuches sehe ich der Direktorin an, dass sie versteht.
Ich sehe das Paket, dass ich auf ihrem Schreibtisch hinterlassen habe fast bildlich vor mir und ich weiß, dass Sie sich gut darum kümmern wird.

Manchmal ist es vielleicht gut seine Emotionen nicht zu verstecken.

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