Wenn man nicht so genau hinsieht…

Ich schreibe wieder. An unseren Vermieter, um bauliche Veränderungen in unserer Wohnung und im Treppenhaus anzufragen, um Informationen zu Therapiehunden einzufordern, an die Stadt um nachzufragen, wie und warum ein Merkzeichen gehbehindert abgelehnt werden kann, obwohl man – zumindest zeitweise – im Rollstuhl sitzt und an Therapie-Praxen, damit auch unser jüngster Sohn eine angemessene Unterstützung erhält, um seine Krankheit zu bewältigen.

Wenn mir jemand vor zwei Jahren erzählt hätte, dass ein großer Teil der Unterstützung von behinderten Angehörigen das Ausfüllen von Anträgen und Ausformulieren von Briefen ist, ich hätte es nicht geglaubt. Alles ist gut, wenn man nicht so genau hinsieht. Wenn man hinsieht und Hilfe braucht funktioniert wenig, zumindest ist das so in Hamburg.

Ich habe gehört, dass es in anderen Bundesländern sozialpädagogische Stellen gibt, die Familien bei der Antragsstellung unterstützen oder diesen Job übernehmen. Das ist auch dringend notwendig, denn Familien wie wir regeln tägliche Therapietermine, müssen sich mit Schule und Lehren abstimmen, Arzttermine koordinieren, Rezepte abholen und Medikamente bestellen und wollen gerne – genau wie alle Eltern – etwas Zeit mit ihren Kindern verbringen.

Wenn ich mich auf all die Versäumnisse der Stadt Hamburg konzentrieren würde, wäre ich wahrscheinlich dauerhaft sehr schlecht gelaunt. Tue ich aber nicht.

Ich konzentriere mich auf die Dinge, die uns Kraft geben, z.B. die tollen Lehrer, die die Jungs unterstützen und die dafür sorgen, dass es für die beiden schulisch weitergeht. Friedrichs Gymnasium hat über mehrere Wochen den Stoff Stunde um Stunde, Tag um Tag gesammelt und uns zugeschickt, damit er zuhause mit- und nachlernen kann. Die Schulleitung möchte privat einen Elternverein mitgründen, der sich um Inklusion am Gymnasium kümmern soll.

Oles Lehrer an der Stadtteilschule sind mit uns im regen Austausch und stellen sicher, dass auch er weiterlernen kann.

Man könnte sagen, dass all diese Menschen nur ihre Arbeit tun. Es ist aber mehr als das. Sie wollen ihre Arbeit gut machen und niemanden zurücklassen. In unserer Situation sind wir auf solche Menschen angewiesen, sonst kann es nicht funktionieren.

Ich konzentriere mich auch auf unsere Familie und Freunde, die uns und die Jungs einfach so nehmen wie wir sind. Mit allen Schwierigkeiten, Ecken und Kanten.

Und ich konzentriere mich auf gemeinsame Erlebnisse, auf Open Air Kinos, draußen grillen, im Garten liegen und Wein trinken, Ausgehen, Konzerte, Tanzen….

Und wenn ich bisher auch immer dachte „Glück kann man nicht kaufen“, es geht doch…. Bei den RIB Piraten auf der Elbe. Wenn ich möchte kann ich immer noch (eine Woche später) fühlen, wie die sehr warme Luft mir fast den Atem nimmt und wie das Bug des Speed-Boots immer wieder auf die Elbe schlägt.

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